Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Berliner Kunstausstellungen
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 365 - 366 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583943-2583949-2593513--06196-2593619- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
365 Berliner Kunstausstellungen. 366 und man tut dem Menschlichen in dem Werke keinen Abbruch, wenn man sagt, es ist etwas darin wie Töne aus den Klageliedern. Des Lebens Wehmut zieht durch den Kaum, hm alles I)a?ein ist Seele gehüllt, das Körperliche vollgesogen von Empfindung. Wie sie fassen und schweigen und heimlich beben, wie die Frau weint und das Kind nicht begreift, da werden wir von einem geheimen Atemin wenigen Tagen wird Martin Philippson sechzig Jahre alt. Auf seinen Arbeitstisch blickt das kluge, milde Gesicht seines Vaters Ludwig Philippson, von Van der Stappens Meisterhand geformt, und wenn sein Blick an die Wand schweift, dann trifft es dort ein eisernes Kreuz und ein russisches Georgskreuz. Die hat ein Verwandter in den Befreiungskriegen sich erworben, an denen er als Freiwilliger teilgenommen. Als er später in die Heimat zurückkehrte, erntete er wenig Dank für die Hingebung, die er in den Tagen der Gefahr bekundet hatte. Das Judentum in seiner entschiedensten Verkörperung und die stärkste Hinneigung zum deutschen Wesen, beide eng miteinander verbunden und doch jedes für sich stark ausgeprägt, beide verkörpert in der Erinnerung an die, die von allen ihm am nächsten stehen, umgeben so Martin Philippson bei seinen Arbeiten, und diese beiden Mächte sind es auch, die seinen Lebensweg vereint die Richtung gegeben haben. Am 27. Juni 1846 ist Martin Philippson zu Magdeburg geboren. Sein Vater, Ludwig Philippson, war damals ein Führer der deutschen Judenheit als Rabbiner, als Kämpfer für die bürgerliche Gleichberechtigung, als Herausgeber der Allgemeinen Zeitung des Judentums, als fruchtbarer religiöser, politischer und belletristischer Schriftsteller, ein Mann von unbegreiflicher Arbeitskraft. Nicht immer haben die Männer, die so weit in die Ferne wirkten, auch die Nächsten im Familienkreis für das Judentum zu erwärmen gewusst. Der Name von manchem dieser Grossen in Israel hat hellen Klang, aber die freudige Erinnerung an den Träger verdüstert der Gedanke an seine Kinder, die das Judentum verlassen haben, oder die ihm gleichgültig gegenüberstehen. Ludwig Philippsons Andenken aber ist nach seinem Tode noch Ehre geworden. Da schon lange die Erde ihn deckt, zeigt noch das Leben seiner Kinder, wie er in den Herzen die Liebe zum Judentum zu entzünden wusste. Früh schon wandte Martin Philippson dem Studium der Geschichte sich zu. Mit einer Unterzug berührt. Aus tiefem Weh löst sich ein tröstendes Wissen, wir sehen Menschenläuterung und Gehorsam und Herzinnigkeit überall, allüberall. Während wir in diese Käumlichkeit hineinlauschen und uns in ihre Trauer verlieren, wird unser Sinnen gläubig und vertrauend. Mitten im Farbenreiz scheint uns alles Lebenstrost und Verheissung. K. Nachdruck verboten. suchung über Heinrich den Löwen promovierte er; da erlitt das wissenschaftliche Stilleben jählings eine Unterbrechung. Der deutsch-französische Krieg brach aus, und im Schlachtendonner vor Paris erlebte Philippson den Niedergang Frankreichs, die trübselige letzte Szene jenes Dramas, dessen stolzen Anfang er später in dem grossen, dreibändigen Werke „Heinrich IV. und Philipp III., die Begründung des französischen Uebergewichts in Europa" schilderte. In Bonn begann er das Werk. Hier hatte er sich als Privatdozent habilitiert, und glänzend begann seine Laufbahn. Bald war er ausserordentlicher Professor, und nicht lange darauf schlugen zwei Fakultäten ihn für die Ernennung zum Ordinarius vor. Da kam plötzlich der Umschwung. Im Staate Wilhelms I. war für einen Juden als ordentlichen Lehrer der Geschichte kein Platz. Aber die Bahn, die in Preussen sich ihm verschloss, eröffnete sich in Belgien. Im Jahre 1879 ging er als ordentlicher Professor für neuere Geschichte an die Universität Brüssel. Hier entstanden umfassende Werke. Das Zeitalter Philipps II. wie das Ludwigs XIV., die Geschichte der Maria Stuart und die Entwicklung des preussischen Staatswesens um die Wende des 18. Jahrhunderts hat er in grossangelegten Darstellungen geschildert. Im Jahre 1891 kehrte er nach Deutschland zurück. Auch als Privatmann hat er hier auf dem Felde der Geschichte rüstig weitergearbeitet. Dem Kardinal Granvella, dem alten spanischen Staatsmann, hat er seine Forschungen gewidmet und dem grossen Kurfürsten hat er ein Denkmal gesetzt. Er beschrieb das Leben Forkenbecks und liess, selbst tiefergriffenen Herzens, jene Tragödie vor unseren Augen vorüberziehen, die „das Leben Kaiser Friedrichs III." sich betitelt. Mit warmer Teilnahme folgt Philippson dem Strom der Ereignisse. Nicht nur den grossen Zügen der Entwicklung. Ein Fülle von interessanten Mitteilungen auch über sonst wenig hervortretende Gebiete der Vergangenheit beleben seine Werke. Seine Biographien zeichnen nicht nur den Lebensgang bestimmter Personen, sie MARTIN PHILIPPSON. Zum 60. Geburtstage, 27. Juni 1906. Von Dr. Max Eschelbacher.