Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Berliner Kunstausstellungen
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 363 - 364 (sequence 1)
- Language
- German
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363 364 BERLINER KUNSTAUSSTELLUNGEN. Unter den Porträts der Grossen Kunstausstellung findet man mehrfach Juden dargestellt, aber an typischer Wahrheit offenbart sich darin wenig. Die Kunst gibt ja Synthesen in ihrer Charakteristik, und so müsste da ein Stück modernen Judentums psychologische Sichtbarkeit bekommen. Aber in dieser Ausstellung ist das Menschlich-Seelische arg daran, fast schlimmer, bedauenswerter als das Malerische. Attitüde und Repräsentationen, Schmuck und Selbstgefälligkeit verdrängen das Phänomen des Menschen, des unerschöpflich Menschlichen. Darum fehlt auch der Charakteristik des Jüdischen die überzeugende Eigenart, weil sie nicht erstanden ist aus der Weite und Tiefe umfassender Menschlichkeit. Die Menschen künden sich zu sehr an, sie künden nichts; sie stellen sich vor die Oeffentlichkeit, sie offenbaren nichts; viel, viel Positur ist da, kein beruhendes Daheim, keine Heimat, keine Keuschheit. Man sieht ein schlaues Jüdchen im Bratenrock; er hat Einge an den Fingern, eine kniffliche Seele und den Beruf eines Kommerzienrates. Was geht uns der an? Was ist uns der, was ist er irgend wem? Man sieht eine Dame aus Berlin W., mit all der Oede, all dem Argen. Der ganze Mensch wie in Puder getaucht, bettelhaft gefallsüchtig, geistreichtuerisch geistlos. Dann Familienklugheit, Rechts an waltin teiligen z (wie bei Passini) und junge Männer mit arrangierter Künstlerseele. Hier und da eine sinnende Natur, eine wirkliche Charakteristik und ein jüdischer Mensch, recht und schlecht in Wahrheit. Noch eines bemerkt man, das ist menschlich nicht schön und künstlerisch ein schwer Vergehen. Das Jüdische im Ausdruck wird etwas verwischt, neutraler gestimmt, nur zur Würze verwandt als allgemeine Rassigkeit. Auch bei den besseren, den schlichten, ehrlichen Porträts ist die Charakteristik in dieser Richtung zu matt, zu glatt. Da ist ein altes Ehepaar von Aenny Löwen st ein. Etwas raumlos im Eindruck, das altväterlich Liebevolle zu absichtlich, befangen in der seelischen Atmosphäre; aber sonst in ehrlicher Absicht und kundiger Liebe gemalt. Und doch ist der Mann augenscheinlich nivelliert, man hat das bestimmte Gefühl, dieser Mann muss mehr jüdisch aussehen, und daher erscheint sein Wesen lose, fast ausdruckslos und wirkt mehr farbig als geistig, wie auch der Ansatz zu Haltung zu geflissentlich ist. Besser ist die Frau: grossmütterliche Ueberlegenheit, ausruhende Mitteilsamkeit, durchzuckt von einem Schimmer einstiger Schelmerei. Von Qualität ist ein Porträt von Oskar Heller; malerisch emptunden, nobel in der Farbe, hat es einen fein nüanzierten Humor und lebensvolle Akzente in der Charakteristik. Von jüdischen Motiven findet man in dem retrospektiven Teil „Jüdische Beter" von Alois Schön. In einem Kellerraum mit „malerisch" einfallendem Licht polnische Juden beim Gebet. Typen und Stimmung glaubhaft, doch oberflächlich, im einzelnen genrehaft. Der Moses die Tafeln zerschmetternd in Holz von Ernst Herter ist sehr zornig, und dieserhalb ist er kleinlich und bauschig; die Liniensprache wirr und das Seelische draussen im Ohngefähr, an der Oberfläche. Und will doch heroisch sein. In der Sezession ist ein Hiob von Martin Brandenburg zu sehen. Die Freunde stehen oben an der Mauer, Hiob verkriecht sich in die Ecke. Die Fassung ist geistreich; wir sehen in harter, paradoxer Kürze, schrill und kahl, des Dulders düstere Schmach. Die Freunde stehen da, des reichen Hiob Freunde, und dort in der Ecke liegt ein Bündel Schmutz, Schmerz, Verworfenheit. Da wird das Mitleid zur Karikatur, die Seele ist verzerrt, und das menschliche Gefühl umklammert ein Grinsen. Darin ist zuckendes Pathos. Aber aller Höhe ist der Weg versperrt. Hiob spricht doch wehegeläuterte Weisheit, und in Hiob wird Gottes Unerforschlichkeit leuchtend enthüllt. Hier ist nur ein Kehrichtbündel in Ewigkeit. Ein Porträt Schildkrauts als Shylock von Hancke. Schildkrauts Shylock ist eine Musterleistung, voll Echtheit, voll organischer Wahrheit; Tonfall und Gestik, Singsang und Bewegung wie Natur, — bis zu der Gerichtsszene, da setzt der Schauspieler ein. Das Leben nähert sich dem Drama, das Lebendige der Typik. Dieses Absolute gerade gibt das Bildnis. Der Mann ist ganz Hass, ganz Finsternis, mehr „Shylock" als Mensch. Die Gefühle sind verrammt, verankert; sie sind unentwegt, verbissen, fern der Wandelbarkeit. Des Lebens Zwiespältigkeiten sind ausgeschaltet, und keine Skala gibt es mehr. Gerade im Hass dieser Juden aber, deren Formen hier entliehen sind, ist eine merkwürdige Zagnis, ein zitternder Nebenton verlauthart, Weichheit und Mattigkeit spalten den lohenden Affekt. Ein grimmer Hagen wächst nicht im Exil. Ein Leidenszug wohl, wie ihn Hermann Strucks Jude aus Jaffa hat. Jozef Israels „Begräbnis". Kein jüdischer Gegenstand, aber von einem der besten Juden,