Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
- Article
- Das jüdische Zivilgericht
- Date
- 1906-05-01
- Page
- Seite 357 - 358 (sequence 1)
- Language
- German
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357 358 DAS JUEDISCHE ZIVILGERICHT. Von Fabius Schach (Karlsruhe). Nachdruckverboten. Nicht vom grauen Altertum, sondern von einer kaum verschwundenen Vergangenheit will ich sprechen. Ich will hier ein Kapitel der jüdischen Kulturgeschichte aufrollen, das im Gedächtnis der Juden des Ostens noch lebt. Nicht aus toten Quellen und staubigen Akten soll mir ein künstliches Bild erstehen, sondern das, was ich erlebt habe, will ich hier schildern. Diese alte Epoche liegt uns so nah, denn vor unseren Augen gingen die Metamorphosen vor sich und wir waren Zeugen, wie das alte Leben sich in ein neues wandelte. Und doch laufen diese Ereignisse Gefahr, in Vergessenheit zu geraten, und schon der jungen Generation von heute erscheinen die Formen des alten jüdischen Kulturlebens märchenhaft. Unsere Zeit lebt eben zu schnell und vergisst zu schnell. Ich spreche vom Leben der Juden in Russland vor 2o—3o Jahren. Da war noch alles im Judentum patriarchalisch. Mit allen Licht- und Schattenseiten dieses Wortes. Das Leben, wenigstens das äussere, war wenig kompliziert. Eine fast gleichmässige Armut herrschte in den jüdischen Reihen, aber diese Armut war aristokratisch und oft von einer eigenartigen Schönheit. Eine graue Farbe mit etwas Sonnenstrahl durchwirkt, — das war das Bild, das man überall schaute, und dieses Bild prägte sich einem tief ins Herz hinein. Es war nicht viel Sonne, nicht viel lebendige Poesie, aber das wenige wurde geliebt und wie ein Kleinod geschätzt. Das Geistesleben war fast ausschliesslich Religions¬ und Gemeindeleben. Was man persönlich, körperlich und seelisch erlebte in den Stunden zarter Regungen, glühender Sehnsucht und tiefster Qual, das drängte man zurück, man war in erster Reihe Jude, Spross eines alten Adels, man lebte mehr in der Vergangenheit und in der Zukunft als in der Gegenwart. In der Gemeinde ruhte der Ouell aller Poesie, die ganze Kraft der Seele. Alles Kämpfen und Ringen um Anerkennung, um Grösse, um Machtentfaltung, —- es spielte sich in diesem engen Rahmen, in diesem wahren Mikrokosmos ab. Nie war ein Ghetto im Mittelalter vollendeter, eigenartiger, in sich geschlossener als die russischen Ghettis im 19. Jahrhundert. Es waren orientalische Kolonien mitten in -Russland, und diese Kolonien zusammen boten trotz ihrer Buntheit ein einheitliches Mosaikbild seltsamster Art. Ein mildes Innenlicht bestrahlte das jüdische Leben und machte es nicht nur erträglich, nein, es verlieh ihm auch Glück und Schönheit, Trost und Kraft, es gab ihm den Stolz eines alten Kulturadels. Das slawische Leben draussen konnte natürlich nicht ohne Einfiuss auf das Judentum bleiben, aber es zeigte sich hauptsächlich in einer eigenartigen Nuancierung der jüdischen Seele. Der Slawe hat viel mehr innere Berührungspunkte mit dem Juden als z. B. der Germane, und es musste sich eine geheime Beziehung, eine Art Liebe zwischen Judentum und Slawentum entwickeln, eine schüchterne, verbotene, manchmal durch Hass erzeugte und von allen möglichen Gefühlen zersetzte Liebe. Aber — sie war rein innerlicher Natur, nur dem Psychologen sichtbar. Aeusserlich hatte das Leben ein urjüdisches Gepräge und nur an der geistigen Finsternis und an der bitteren Not merkte man, dass man in Russland war. Namentlich in den kleinen Städten Litauens, die fast ausschliesslich von Juden bewohnt waren, hatte man das Gefühl, als wenn seit der Zerstörung Jerusalems sich wenig im jüdischen Lager geändert hätte. Wenn man Russland mit Recht ein grosses Gefängnis nannte, so bildeten die jüdischen Gemeinden die Unterdrücktesten der Unterdrückten, und doch waren sie wiederum die Freiesten der Freien, weil ihr Leben ganz, harnionisch war, weil es noch keine Konflikte und keine Zerrissenheiten im Seelenreiche gab. Man war Juden, ausschliesslich und ganz Juden und man wollte gar nichts anders sein. Jede Judenstadt war eine Gemeinde aus Brüdern, nicht immer aus friedlichen Brüdern, aber aus Brüdern. Dieselbe Lebensanschauung beherrschte alle, dieselben Leiden quälten alle und dieselben Hoffnungen beseelten alle. Die staatlichen Einrichtungen existierten für die Juden nicht, man war ein Staat für sich. Manchmal hatte man von diesen staatlichen Institutionen viel zu leiden, und so nahm man sie hin, wie man ein unabänderliches Geschick hinnimmt. Innerlich aber erkannte man sie nicht an und man schrieb ihnen vor allem keine moralische Berechtigung zu. Die russischen Gesetze waren ja nur eine Art Gefängnisordnung und die Beamten die Gefängniswärter. Die zwei Haupteinrichtungen des Kulturstaates, Gericht und Schule, existierten für die Juden gar nicht, sie hatten ihre eigenen Schulen und ihre eigenen Gerichte. Und wie ihre Schulen, trotz aller Fehler, die ihnen naturgemäss anhafteten, in der Hauptaufgabe, in der Erziehung zur Menschlichkeit, auf einem viel höheren Niveau standen, als die russischen Schulen, so nahmen auch ihre Gerichte trotz ihrer Primitivität, einen höheren Rang ein als die russischen Gerichte. Die jüdischen Gerichte waren schlicht, patriarchalisch, vom Geiste einer tiefen Religiosität getragen. Ich spreche vom Zivilgericht, denn jüdische Strafgerichte gab es nicht.*) Fälle schwerer Vergehen oder gar Verbrechen kamen fast nie vor, *) Von der Strafe des Bannes (Cherem), die übrigens sehr selten vorkam, will ich in diesem Zusammenhang nicht sprechen, weil sie eine ganz eigenariige Sache war und jedenfalls nicht als Strafe im gewöhnlichen Sinne angesehen werden kann.