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Ost und West · 1906-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1906) · p. Seite 347 - 348

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1906)
Article
Noah in der bildenden Kunst
Date
1906-05-01
Page
Seite 347 - 348 (sequence 5)
Language
German
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347 G. Kutna: Noah in der bildenden Kunst. 348 dass die Glieder der Familie mit letzter Aufbietung der Kräfte einander zu retten suchen und doch vergeblich gegen das Element ankämpfen. M. Kessels plastische Gruppe im Reichsmuseum in Amsterdam zeigt einen Mann, der Weib und Kind zu retten sucht; eine verwandte Gruppe hat Max Klein geschaffen. Die „Zwei Mütter" von Heinrich Epler sind beeinträchtigt in der Wirkung durch die gesuchte Motivfassung. Ein Weib, das Kind an sich gepresst, setzt das Knie auf einen Stein, ein Tigerweib mit den Jungen will ebendahin; da fasst das Weib in furchtbarer Verzweiflung das Tier am Hals, um es hinunter zu stossen. Lesser Urys Männer, die aus den Fluten einen Fels erklimmen, sind bedeutend in der Conzeption und der lapidaren Schlagkraft. Matt ist der ausblickende Noah von Moritz Oppenheim. Von den Darstellungen, die Noahs Opfer, der Bund und die im Mittelalter besonders viel behandelte Verspottung Harns in der Kunst gefunden haben, ragen die des L. Ghiberti durch edlen Stil, Benozzo Gozzolis durch die novellistische Realistik hervor. Michelangelo ist auch bei diesen Gegenständen machtvoll und gross, wogegen das »Opfer" der Rafaelschule matt und nicht ohne Pose ist. Von klassizistischer Art das Opfer Jos. Ant. Kochs (Städelsches Institut) in späterer Zeit, die heroische Landschaft ist zu koulissenhaft, und die Menschen sind theatralisch. UEBER DAS WESEN DES JUDENTUMS. Von Moritz Goldstein. Nachdruck verboten Das Judentum nimmt u. a. dadurch eine Sonderstellung ein, dass man unter diesem Namen nicht nur eine Beligionsgesellschaft begreift, sondern gleichzeitig auch eine durch Abstammung und Geschichte gebildete Gemeinschaft, also ein Volk. Die Meinung darüber, welcher dieser Faktoren in dem Begriff Jude der wichtigere sei und in welchem Verhältnisse sich beide mischen, ist unter Juden und Nichtjuden höchst schwankend. Sie bewegt sich zwischen den beiden Extremen, Jude bezeichne die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk, unberührt durch das religiöse Bekenntnis des einzelnen, — und Judentum sei eine Konfession neben anderen und habe mit der Volks- und Staatszugehörigkeit nichts zu schaffen. Die Konsequenz des ersten Standpunkts wäre die, dass ein wieder aufgerichteter Judenstaat denkbar wäre, welcher eine neue Staatsreligion einführte, sei es das Christentum, den Buddhismus, den Islam oder was sonst. Die Konsequenz der zweiten Meinung dagegen wäre die Möglichkeit, dass z. B. der preussische Staat offiziell zum Judentum überträte. Klärung dieser Begriffe zu schaffen, wollen die folgenden Zeilen versuchen. Ausgehend von dem Begriff Eeligion und von der Frage „Was ist Keligion?", so werden wir sogleich eingestehen müssen, dass wir uns, wie es scheint, an eine zu schwierige Aufgabe gewagt haben, da, wie bekannt, dieses Problem zu den schwierigsten der Philosophie gehört, auf das indessen trotz Jahrhunderte langer Bemühung, soviel mir bekannt, eine bündige Antwort noch nicht erteilt worden ist. Sogleich aber erscheint das Unter- "Welche Keligion ich bekenne? Keine von allen, Die Du mir nennst! „Und warum keine'?" Aus Eeligion! (Schiller). nehmen leichter, wenn ich erkläre, dass ich das Wort Eeligion nicht in dem Sinne nehme, in dem es vermutlich verstanden worden ist. Begreife ich nämlich darunter jenes noch unbekannte Prinzip? welches allen vorhandenen oder möglichen Beligionen zugrunde liegt, — habe es nun seinen Ursprung lediglich in einer besonderen Anlage der menschlichen Seele oder finde es in der Konstitution des Weltalls einen realen Grund — kurz nehme ich das Wort in seinem metaphysischen Sinne: so ist die Frage allerdings zu schwierig, als dass sie auf unserem Wege liegen könnte. Fasse ich „Religion" aber, grammatisch ausgedrückt, als Singular von „Religionen", verstehe ich darunter die blossen, ewig verschiedenen, ewig wechselnden und ewig unvollkommenen Formen der Religion,, kurz nehme ich das Wort in seinem kulturhistorischen Sinne, so wird uns seine Deutung keine Schwierigkeiten mehr machen. Denn mit dieser Begriffsscheidung haben wir eine Erkenntnis schon gefasst und sprechen sie klar aus: die Religionen sind nicht die Religion, ebensowenig wie die Kulturen die Kultur oder die Sitten die Sitte wären. Die Religion — nunmehr in kulturhistorischem Sinne — ist vielmehr nur ein Versuch, den Sinnen des Menschen ein Ding fassbar zu machen, das er, mit höherer Intelligenz begabt, unmittelbar anschauen könnte. Jenes T)ing, das zu „begreifen" — in wörtlichem Sinne — die Religion sich bemüht, ist, mit dem allgemeinsten Begriffe bezeichnet, das Unendliche. Eine Ahnung des Unendlichen hat jeder, auch der Atheist, auch der Materialist; nur die Namen sind verschieden. Wie heisst es doch im Faust?'

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