Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- Unterwegs
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 283 - 284 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583943-2583948-2593406--06099-2593462- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2S3 M. Gorodezky: Unterwegs. 2S4 „Nun sind wir auch bald in der Stadt. Heute nachmittag fahre ich auch nirgends mehr hin." „"Warum?" „AVarmn? Heute ist ja Freitag1, und morgen ist Sonnabend. Dann nehme ich meine Kinder mit und gehe in die Synagoge. Ich habe brave Kinder. Zwar habe ich in der Synagoge, keinen eigenen Platz, aber das hat nichts zu sagen. 'Wir haben einen guten Vorbeter, der so laut singt, dass Alle ihn gut hören können: sowohl arm, als reich, wo man auch sitzt oder steht. Mein Bruder hat zwar zwei Sitze in der Synagoge: er hat freilich auch zu Hause nicht viel Platz. Aber er ist auch solch' ein Mensch: .obgleich er mein leiblicher Bruder ist, verhält er sich doch wie ein ganz fremder Mensch zu mir.!Nim! Ich bedarf seiner auch nicht; ich erbitte, nichts von ihm. Ich verdiene, (Iott sei Dank, selbst meine (»roschen. Er weiss ja aber sehr gut, dass ich es recht schwer habe, o! o! wie schwer? Ich bin sein Bruder, eine Mutter hat uns zur AVeit gebracht und er tut so, als ob er ineine Not und mein Elend nicht bemerken würde. Dafür aber seine Kinder und ineine Kinder!" Und wieder ging ein Leuchten über das (lesieht dieses unglücklichen und doch glücklichen Menschen. ..Er hat einen Knaben, zwei ."Jahre älter als der meinige. Glanben Sie etwa, dass der schon die Bibel lernt? Nein! Er kann kaum ordentlich jüdisch lesen. Meine Kindelsind (»ott sei Dank anders". „Geld ist freilich eine sehr gute Sache". ..Aber Gott sei auch dafür Dank, dass man gute Kinder hat;\ ..Am Sabbath werde ich zuhören, wie mir mein Knabe vorliest. Er liest auch schon russisch", fügte er mit Stolz hinzu. ..Am Sabbath, glauben Sie mir, erhole ich mich ordentlich mit den Kindern. Zwar habe ich keine zwei Plätze in der Synagoge; nun, ich komme auch ohne .sie aus. Bat Gott sie mir nicht gegeben, so wird er sie meinen Kindern schenken". „Ich habe viel erlitten, habe mich viel gequält, dafür werden aber meine Kinder ausruhen . . . Er schwieg wieder eine Weile und wurde dann wieder lebhaft. ..Und trotz allem erhole ich mich und ruhe am Sabbath. Mein Bruder ruht jeden Tag, ihm ist das einerlei. Sabbath — das ist eben Sabbath . . . ." ..Und dann geht es wieder an die Arbeit?'" ...Ja, dann geht es wieder an die Arbeit, und dann kommt wieder Sabbath, dann erhole ich mich wieder bei den Kinderchen, — Gott schenke ihnen Leben und Gesundheit! . . . Nun sind wir auch am Ziele". Ich bezahlte ihm den ausbedungenen Preis und gab ihm noch 00 Kopeken darüber hinaus. Sein Gesieht strahlte vor Freude. Kr verneigte sich, drückte nervös sein Mätzchen in der Hand und dankte. ...letzt werde ich aber einmal einen guten Sabbath haben! . . . Sehen Sie, Herr, was das betrifft, dass der liegen aus den Wolken kommt. Wolken und liegen sind besondere Dinge .... Das ist alles, wie Gott will. Sehen Sie, Gott hat gewollt, und ich und meine Kinder werden einen guten Sabbath haben . . . Und sie sagen noch, Wolken seien notwendig zu Regen . . ." Glücklich und frohgemut setzte er sich auf seinen Knfsehbock und trieb die Pferde an. Der Wagen polterte über das löchrige Pflaster. .Der Arme trieb seine Pferde, als fürchtete er, dass ihm jemand seinen ..guten Sabbath" entreissen würde. Und dann wieder Arbeit. Wieder Furcht um die neun Rubel im Monat. Und dann wieder aufs neue — Sabbath .... STATISTIK DER JUDEN IN DEN MUHAMMEDANISCHEN LAENDERN. [.*) türkisches Reich. l'eber die europäische Türkei sind wir statistisch genau unteiTichtet, Was die asiatische Türkei anbelangt, so haben wir, abgesehen von einigen hier unten mit einem Sternchen bezeichneten Ortschaften,direkte Erkundigungen eingezogen. Zu den letzteren Ortschaften hatten wir aber keinerlei Beziehungen und die von uns veranstaltete Pin frage ergab keine zuverlässigen Ergebnisse, so dass wir die in dem Werke Vital (uinet's ..La Turbine d'Asie, geographic administrative, statistifpie, descriptive et raisonnce de chaque i>rovuee" p vohunes, Paris. Ernest Leroux. 18^2) enthaltenen Ziffern wiedergegeben, haben. Erwähntem Autor, der in Constantinopel eine hohe Beanitenstellc bekleidet, war es leicht, genaue Erkundigungen einzuziehen. Nichtsdestoweniger stimmen die von ihm angegebenen Ziffern mit den von uns eingeholten bei weiten) nicht überein; über ihre *) Siehe „Ost und West" Heft 1«.I06. Zuverlässigkeit dürfte also noch ein Zweifel bestehen. i>ie von ihm begangenen Irrtümer lassen, sich auf verschiedene Gründe zurückführen: erstens widerstreben die Juden aus religiösen Rücksichten jeder Volkszählung; ferner befürchten sie. dass daraus eine Vermehrung der auf ihnen lastenden Steuern entstehe, und schliesslich halten sie es nicht so genau bei solchen Angelegenheiten. Für die fernliegenden Provinzen der asiatischen Türkei, namentlich im Xorden und im Osten von Aloppo. für die Euphratgegend, das syrische Hinterland und die arabische Halbinsel, ist es beinahe ausgeschlossen, eine vollständige Statistik aufzustellen. Speziell ist Temen, wo die jüdische 'Bevölkerung auf etwa 50 000 Seelen zu schätzen sein dürfte, so gut wie unbekannt, und jeder Versuch der Allianz, ihre Vertreter dorthin zu schicken, blieb erfolglos. Dahinsind die über diese Gegend hier unten angegebenen Ziffern, obgleich einer eingehenden Prüfung unterzogen, nicht ohne Vorbehalt anzunehmen.