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Ost und West · 1906-04-01 · Heft 4 (April 1906) · p. Seite 281 - 282

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 4 (April 1906)
Article
Unterwegs
Date
1906-04-01
Page
Seite 281 - 282 (sequence 2)
Language
German
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231 M Gorodezky: Unterwegs. 2S2 ..Wissen Sie, Herr! Alle., die ich l>ix .jetzt gefahren habe, haben mich, dasselbe gefragt." ..Nun? Und was ist denn dabei?'- ..Nichts Besonderes ..... Aber mehr verdiene ich darum doch nicht. Wenn Sie es jedoch durchaus ■wissen wollen, Averde ich es Ihnen sagen. -ÜNfein Lohn beträgt neun Rubel im Monat. Ich habe eine Wohnung, habe eine kranke Frau, vier Kinder: zwei Knaben und y.wei Mädchen,— Gott schenke ihnen Gesundheit! Ausserdem leben bei mir noch die kranke Mutter meiner Frau und meine eigene alte blinde Mutter .... Das ist alles, was ich habe. ..Wie lebst Du denn damit? ..Ich lebe, Ott sei Dank.. Andere, haben noch Aveniger. Für meine Wohnung zahle ich einen Rubel achtzig Kopeken im Monat. Das, Avas übrig bleibt, geht für den Lebensunterhalt und die Kleidung auf. Diu! dann muss man ja auch die Kinder was lernen lassen. Mein älterer Knabe. -- wenn Sie ihn doch nur sehen könnten! —- liest schon die Bibel in jüdischer Sprache. Natürlich muss mann die Kinder was lernen lassen. Aber sie zerreissen so fürchterlich viel Stiefel" Sie sind dafür auch Kinder." fügte er nach einigem Nachdenken hinzu. „Haben Avir denn nicht viel Stiefel zerrissen, als wir klein Avaren .... da, ja, das ist nun einmal so .... Aber wobeinehmen? Kann man •denn mit neun Ruhein Alles bestreiten? Das heisst. ich habe jetzt neun Rubel im Monat. Vorher bin ich aber acht Monate lang ganz ohne Beschäftigung gewesen. 'Ich verkaufte Streichhölzchen, Papier; die Kinder desgleichen. Man musste ja irgend etwas tun: man muss doch essen. Wir sind ja lebendige Menschen, deder Mensch muss essen. Natürlich muss er; aber woher nehmen, wenn man nichts hat? Mein ältester dünge hat so ein ganzes Semester verloren, ohne zu lernen. Bin ich etwa schuld daran? Meine Krau handelte mit Bettfedern. Da wurde sie krank, .letzt ist sie wiedei' gesund, aber gerade damals war sie krank. Im Stübeben Avar es kalt. Die Alten weinten, die Kinder Aveinten. Was sollte ich thun? Ich werde ja nicht stehlen! Ich kann es nicht, ich habe es nicht gelernt! Mein 'Vater war ein ehrlicher Mann, ein frommer dude. Er war erst jüdischer Lehrer, dann Schlichter. Alle achteten ihn, denn er war im Bebrüischen sehr gelehrt. In einem Städtchen wollte man ihn sogar zum Rabbiner wählen —- aber da hatte er just nichts besseres zu tun, als zu sterben." -- Lange noch sprach er so fort und beantwortete alle Fragen. Dabei gab er aber weder auf seine Pferde, noch auf mich besonders Acht. Aus seinen Worten hörte man tiefes Leid, 'Verzweiflung und Furcht davor heraus, dass er etwa seine ..neun .Rubel monatlich" wieder verlieren könnte. „Nein, nein, sagen Sie doch nur selbst: "Wohin kann ich gehen? Wer Avird mich nehmen? „Ich, der ich <u*ne Frau, zwei Greisinnen und vier Kindelbei mir habe. Aber meine Kindel* sind gute, brave Kinder." Sein (Besicht leuchtete bei diesen "Worten auf. ..Wer hat mich nötig, wo ich zudem nicht einmal völlig gesund bin. "Wäre mein 'Vater nicht zu so unrechter Zeit gestorben und Rabbiner geworden, so wäre seineStelle dann auf mich übergegangen, ich wäre ein guter Wirt gewesen .... Warum auch nicht! . . . Meine Kinder hätte ich nach Wilna in die Schule geschickt. Dort lebt mein Onkel, das heisst richtiger, ein Onkel meiner Frau." ... Mittlerweile war es ganz dunkel geworden. . Die Sterne am Firmament erglänzten. Zuerst einer, dann ein anderer .... Die Wolken am Bimmel hatten sich verzogen, der Wind hatte nachgelassen. Wir waren auf freiem Felde. Das weite, unbegrenzte Gefilde, der unermesslirh sich ausdehnende Raum hatten etwas unaussprechlich Reizvolles an sich. „Hier auf dem freien Felde ist es schöner, als im Walde", bemerkte ich meinem "Wagenlenker. . „Freilich, deder nach seiner Art", entgegnete er. „Wem es gut geht, der findet es auf dem Felde schön und auch im Walde nicht schlecht." Mein Kutscher verstummte. Die Pferde schleppten sich träge dahin. Der Schlaf drohte mich zu übermannen. Unser elender .Bretterwagen erzitterte in allen seinen Fugen und drohte in den zahlreichen tiefen Rinnen und Löchern des schauderhaften Weges sich in seine Bestandteile aufzulösen. Bei scharfen .Biegungen griff' ich unwillkürlich nach dem Kutscherbock, um mich an ihm zu halten. „Fürchten Sie nichts!" sagte der ."Jude. „Ks geht immer so scheusslieli .... Das ist hier nicht Avie in der Stadt: Aven sollte man auch hier in guter Fquipage fahren . . . ." Ich war schläfrig, konnte aber nicht schlafen. Trübe, schwere Gedanken bedrückten mein ganzes Wesen. Die Zahl „neun" Avich nicht aus meinem Hirn. Ich fühlte etwas AvieSchuldbewusstsein vordiesem unglücklichen, elenden .Menschen: als ob ich ihm etwas geraubt, als ob ich ihm viele Freuden dieses Lebens entzogen hätte. Fr aber sass auf dem Kutschboek und fuhr fortsein Liedrhen zu summen. Nur wenn der frische Wind zu durchdringend wehte, scheute er sich. Der Unglückliche kauerte sich völlig zusammen, zog sein abgetragenes, ganz mit Federn bedecktes Mützchen über die Ohren und schwieg. Und seltsam! Dieses Schweigen liess mich das Leid und die Not, die ihn drückten, nur noch viel deutlicher empfinden, als seine Worte und Klagen. Fr war gleichsam niedergedrückt, an die Erde gepresst und hielt den Atem an, als fürchte er. ein Wort zu verlieren. Der Mond war aufgegangen und beleuchtete mit seinem blassen Schein die hübsche Gegend. In der Ferne sah man schon die Gebäude der Stadt. Ks war gleichsam wärmer geworden.

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