Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- Kain und Abel in der bildenden Kunst
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 245 - 246 (sequence 1)
- Language
- German
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245 Ermordung Abels. KAIN UND ABEL IN DER BILDENDEN KUNST. Von G. Kutna. Nachdruck verboten. Von den Flügeln des Genter Altars von van Eyck. Opfer. In der Erzählung von Adam und Eva setzt die Menschheitsgeschichte ein; die Bibel sagt: es gab einen Tag, da fing das an, was wir je vernommen von Geschichte und Leben. In der Erzählung von den Nach kommen Adams werden die einzelnen Züge des Kulturganges im Umriss gezeichnet. Bei Adam und Eva scheinen die Triebe nur ein kindlich Begehren, Sünde und Tod sind nur eine Wolke, die von ferne herangezogen kommt und ihre bangen Gemüter mit stillen Schatten umkreist. Nun aber ist alles zur Wirklichkeit reif, die Sünde kommt mit ihrem Zwang und der Tod mit seiner Starre. Bruderhass und Brudertod. Nun gibt ihnen das Leben seine Zeichen, wie bedeutsam und wie geheimnissvoll es ist. Und sie wagen den Gang. Dann kommt das weitere Schicksal, sie müssen zusehen, was das Leben fordert und welcher Reichtum ihm zu entlocken ist; und ihre einzige Waffe gegenübor dem Leben ist ihr Durst nach Leben. In Armut beginnen sie. Adam hatte nur das Paradies verloren, doch Kain verliert die Heimat. So gilt es, auch diese neu zu formen, und die Ohnmacht wird zur Kraft im Zwange der Not. Die Kunst zeigte in ihren verschiedenen Epochen ein ungleich starkes Interesse für die Personen und Ereignisse dieser Erzählungeu. Im Mittelalter wurden Kain und Abel sehr häufig dargestellt, da ihre Geschichte — besonders in zyklischen Darstellungen —: im Zusammenhang mit der Erbsünde das Böse und die unheilvolle Macht der menschlichen Triebe illustrieren soll. Die Renaissance zeigt nur geringe Neigung für den Gegenstand; die Kleinkunst greift ihn hier und dort auf, doch der hohe Stil hält sich gänzlich fern. Der gewaltsame Ausbruch des Affektes, der blutige Tod ohne irgend einen verklärenden Motivhintergrund widerstrebt dem Stilgefühl der Renaissance, die ja auch Märtyrerbilder nur auf Bestellung darstellt. Beim Genter Altar der van Eyck und an der Tür von S. Petronio in Bologna des Jacopo della Quercia klingt das kirchlich-monumentale Motiv des Brudermordes noch einmal gross und dramatisch aus. Der weichliche Manierismus des 18. Jahrhunderts fand nur in dem Hirtenleben und den handwerklichen Erfindungen der Söhne Kains und Loths manches Motiv, das „hübsch zugleich und rührend ist". In neuester Zeit dagegen zeigt sich ein gesteigertes Interesse für künstlerische Wiedergabe der tragischen Motive in der Erzählung von Kain und Abel. Die "V erschiedenheit menschlicher Gemütsanlage, elementare Leidenschaft, Blutschuld und Gewissensnot und Menschentrotz haben für die bildnerische Kraft des modernen Geistes starke Anziehung, und die Phantasie taucht gern hinab in jene graue Zeit, um den ersten Tod auf Erden zu bilden und den ersten Widerschein dieses Todes in der Seele des ersten Mörders. In der kirchlich-didaktischen Kunst ist Kain die Verbildlichung des Bösen und der weltlichen Leidenschaft. Abel ist das Bild der Tugend, Frömmigkeit und der gottgeweihten Unschuld. Diese symbolische Bedeutung wird nicht durch eine verschiedene Charakteristik besonders betont, sondern in ihrer rein sachlichen Existenz als spezifische Gestalten der Bibel tragen sie ihre bestimmte dogmatische Bedeutung. Der gedankliche Hintergrund ist die ganze Charakteristik, und er genügt, um in dem Betrachter die Gedanken der Verdammnis und Erlösung zu erwecken. In solcher Art und Absicht werden sie in Reliefform oder als Nischengruppe der kirchlichen Architektur eingefügt. In dieser dogmatischen Sachlichkeit erscheint das opfernde Brüderpaar an der Bernwar dstür zu Hildesheim im 11. oder am Portal des Domes zu Monreale im 12. Jahrhundert. In derselben Bedeutung traten sie in der Miniaturmalerei in Form dekorativen Beiwerks für Messbücher und illustrierte Erbauungsschriften auf. Abel steht im Chorknabenhabit mit gefalteten Händen betend da und blickt fromm versenkt nach oben. In dieser Erscheinung illustriert er irgend einen Psalmvers zum Lobe des Frommen, oder er bedeutet eucharistisch mit seinem Gegenüber —eines betenden Abraham oder Melchizedek mit Teller und Kelch — den unschuldvoll Frommen, dessen Gabe Gott gnädig annimmt. Dieser Charakter einer rein zuständlichen Erscheinung bleibt ihnen auch, wenn sie als handelnde Personen auftreten. Denn ihre Aktion hat wie sie selbst den unveränderlichen Charakter einer erstarrten Vorstellung. In unpersönlicher Frömmigkeit knien sie nieder am Altar, da kommt von einer fernen Allmacht ein unbegreiflich Zeichen unbegreiflicher Waltung, und über Kain hinweg wendet sich eine geheimnisvolle Hand vom Himmel her zu Abel, um ihm die Gottgefälligkeit und Erwähltheit zu bekunden. Mit poesievoller Naivität dagegen charakterisiert in der altchristlichen Kunst die Szene ein Sarkophagrelief aus S.Agnese. Die fatalistische Lehre des kirchlichen Heildogmas hatte hier eine günstige alttestamentliche Vorlage. Denn wie