Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- Zu dem Aufsatz von Prof. Schleich über "Jüdische Rassenköpfe"
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 243 - 244 (sequence 3)
- Language
- German
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243 Dr. Aron Sandler, Breslau: Zu dem Aufsatz von Prof. Schleich über „Jüdische Rassenköpfe". 244 hervorzuheben, nm es dann als Leitmotiv bei der Zeichnung des jüdischen Rassenkopfes durchzuführen, hat den Autor zur Aufstellung jenes Satzes verleitet. Schleich fährt dann fort: „Es kann ja das sogenannte Stabile, Typische, immer Wiederkehrende unmöglich anders als durch eine konstante Tätigkeit er- Avorben gedacht werden. Anpassung, selbst Vererbung kann doch nur etwas Funktionelles sein.'- Das ist ein ganz veralteter Standpunkt, den allerdings Darwin hier und da, nie aber mit. der gewohnten Energie 'vertreten hat. Es gibt eine grosse Literatur über die Frage, ob erworbene Eigenschaften vererbt werden können. Wenn Schleich in seiner Behauptung die Worte „unmöglich anders" anwendet, so ist zu bemerken, dass die meisten Biologen und Pathologen dieses „anders" nicht nur für möglich, sondern für wahrscheinlich halten. Keine Geringeren als Weismann und E. Ziegler (neben vielen anderen) halten die Kehnesvariation (ein Begriff, der hier dem Leser nicht erläutert werden kann) in Verbindung mit der Selektion für die wahrscheinlich einzige Quelle neuer Vererbungstendenzen. Sie halten eine Einwirkung irgend welcher „konstanten Tätigkeit", wie Schleich sagt, also irgend einer Lebensäusserung des fertigen Organismus auf die Gestaltung der Geschlechtszellen und der neuen Furchungszelle für theoretisch kaum denkbar. Während sich Schleich auf den alten darwiniscischen Standpunkt stellt, der eine Lücke in einem glücklichen Gedankengange durch eine unbewiesene Annahme (die ja nur eine Möglichkeit zeigte) zu verkleistern suchte, haben längst Weismann, de Vries u. a. bessere und klarere Quellen für das Auftreten neuer „stabiler, typischer" Artmerkmale und neuer Vererbungstendenzen gefunden — ja, hat Boveri sogar in diesen „unmöglichen" Quellen den tieferen Sinn der Zwiegeschlechtlichkeit der höheren Lebewesen entdeckt. Es wäre leicht, in diesem Punkte Schleich ad absurdum zu führen; doch ist hier nicht der geeignete Ort. Sollte aber der Sinn der Schleichschen Aeusserung der gewesen sein, dass der Vorgang der Anpassung und Vererbung, im modernsten Lichte betrachtet, schliesslich auch etwas Funktionelles ist, so läge ein blosses Spiel mit "Worten vor, aber nicht ein Beweis für die Bedeutung des Funktionellen für die Easse. Denn denkt man sich zwei verschiedene Rassen, in denen das stabiltypische Element ganz grundverschieden, das funktionelle aber das gleiche wäre, so könnte man auch da behaupten: das funktionelle Moment ist das wesentliche, denn die Entstehung und Vererbung des Stabil-Typischen beruht im Grunde auf gewissen Vorgängen, z. B. auf einer Keimesvariation, die ja einen funktionellen Akt darstellt. Das wäre die höhere Sophistik. Im übrigen haben solche funktionellen Momente für die Rasse doch nur dann Bedeutung, wenn sie nicht bei allen Menschen in gleichem Grade, sondern bei einer Rasse in stärkerem oder schwächerem Mafse als bei einer anderen vorhanden sind. Das funktionelle Rassensymptom kann sich nur in einem lebhafteren oder trägeren Mienenspiel, einem höheren oder niedrigeren Blutdruck äussern. Die Inanspruchnahme der Keimesvariation und Selektion in diesem Zusammenhange hätte also nur dann einen Sitin, wenn man annehmen wollte, dass die jüdische Rasse auch in diesen biologischen Vorgängen einen spezifisch-funktionellen Charakter zeigte, indem sie z. B. infolge der Fälligkeit, vielseitigere Keimesvariationen zu produzieren, eine höhere Anpassungsfähigkeit besitze. Eine solche Annahme hängt aber durchaus in der Luft. Aber wir wollen unserem Autor nicht Gedankengänge unterschieben, die ihm ferngelegen haben. Mit seinem Ausdruck „konstante Tätigkeit" hat er eigentlich deutlich genug ausgesprochen, dass er die typischen Merkmale als Resultate andauernder gleicher Funktionsformen lebender Menschen auffasst — eine Anschauung, die nur verständlich erscheint, wenn man an die Vereinbarkeit erworbener Eigenschaften glaubt. Ich muss diesen Versuch, alles jüdisch Rassenhafte auf das Funktionelle hinauszuspielen, als missglückt bezeichnen. Wir können nicht zulassen, dass das konstant Rassige des Juden, dass die schon im Geschlechtskeim in nuce vorhandene jüdische Individualität im wesentlichen als ein Produkt spezifischer Funktionsformen gedeutet wird. Und warum es nötig war, die oben beanstandeten Sätze, die den ganzen Wert der hübschen Skizze trüben, so ausführlich und energisch in einer Zeitschrift für modernes Judentum zurückzuweisen? Antwort: weil es in der westeuropäischen Judenheit gewisse Kreise gibt, die solche Aeusserungen mit Vorliebe als „wissenschaftliches Rüstzeug" im Kampfe gegen lebendige Rassentatsachen benutzen.