Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- Zu dem Aufsatz von Prof. Schleich über "Jüdische Rassenköpfe"
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 241 - 242 (sequence 2)
- Language
- German
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241 Dr. Aron Sandler, Breslau: Zu dem Aufsatz von Prof. Schleich über „Jüdische Rassenköpfe". 242 Und warum wird sie von unserem Autor nicht respektiert? — Das ist der Punkt, in dein wir Schleich energisch widersprechen müssen. Die Erkenntnis, dass der egyptische Schädel semitischer sei als der der Juden, und dass daher die Juden eigentlich gar keine Semiten, sondern vielleicht Hamiten sind, diese Erkenntnis ist nach Schleich „keine gerade Klarheit in dies biologische Problem bringende." — Man höre! Eine Erkenntnis soll deshalb nicht klärend wirken, weil sie die Lehre, die Juden (sogar die heutigen Juden) seien Semiten, für eine Irrlehre hält. Es gilt demnach Schleich als eine ausgemachte Tatsache, dass die Juden Semiten sind. Ich gestatte mir die Anfrage, warum er sich veranlasst fühlt, an diese Erzählung mit so unerschütterlicher Festigkeit zu glauben. Dass die Juden Semiten, im wesentlichen Semiten sind, hat die vergleichende Sprachwissenschaft,.erkannt". Die gewaltige Förderung, die die Anthropologie von Seiten der Linguistik erfahren hat, ist zu einem grossen Teil wieder durch die Irrtümer wett gemacht worden, die von der Linguistik in die Anthropologie hineingeschleppt worden sind. Jedermann kennt die zahlreichen Beispiele, die beweisen, dass sprachverwandte Völker auch nicht im entferntesten blutsverwandt zu sein brauchen, kennt die Namen der Stämme, die die Sprachen fremder Völker, ihrer Besieger oder anch der von ihnen besiegten, angenommen haben. Die Erkenntnis, dass es einen arischen Sprachstamm gebe, führte zu der Annahme einerarischen oder indogermanischen Völkerfamilie, die späterhin von der Anthropologie als ein Phantasiegebilde entlarvt wurde. Die Linguistik hat gezeigt, dass Babylonier, Assyrer, Hebräer, Südaraber (Sabäer), Phönizier, Aramäer, Abessinier und die eigene liehen Araber verwandte Sprachen, semitische Idiome, sprechen und pflugs wird geglaubt, dass nicht nur die Hebräer, sondern sogar die heutigen Juden Rassen- Semiten sein müssen. Beweist nun die Anthropologie, dass die Wüstenaraber, die echten Beduinen, die man als die relativ reinsten Semiten beti achtet, sich wesentlich von dem häufigsten Typ früherer und heutiger Juden unterscheiden, so schliessen wir daraus, dass die Juden infolge mannigfacher, näher zu erforschenden Blutmischungen längst nicht mehr reine Semiten sind; Schleich aber ignoriert diese in die Augen springende Verschiedenheit zwischen Araber- und Judenschädel und hält die Arergleichung der Schädel für überflüssig, weil sie zu einer Erkenntnis führe, die seinen durch nichts bewiesenen Glauben an den jüdischen Semitismus umstösst und deshalb angeblich keine Klarheit in das Problem bringt. Ich hatte nur die Absicht, diesen merkwürdigen Circulus vitiosus festzulegen, ohne die einschlägigen anthropologischen Tatsachen weiter zu erörtern. — Die Aeusserung Schleichs, dass „die moderne Kultur es vielleicht zu Wege bringe, Passenreinheit überhaupt als einen imaginären Begriff zu bezeichnen", ist eine oft gehörte — oft gehört aber nur aus dem Munde antizionitischer Rabbiner und Redakteure. Es würde zu Aveit führen, wrollten wir hier das Fehlerhafte dieses Gedankens dartun. Nur einige Sätze darüber. Scharf umschriebene Urrassen hat es wahrscheinlich nie gegeben, es sei denn, man glaube noch immer an die Pohrgenesis des Menschengeschlechts. Es hat immer nur an den verschiedenen Punkten der Erde neu herausdifferenzierte anthropologische Individualitäten gegeben. Auch die Semiten haben sich aus einer grösseren Rasse herausdifferenziert (wahrscheinlich ans der langschädligen mittelländischen Rasse der jüngeren Steinzeit), aus einer Rasse, die ihrerseits wohl wieder ein Produkt der Differenzierung aus einer noch grösseren Gruppe darstellte. Spätere Mischungen unter den einzelnen Rassenindividualitäten erzeugten immer neue.. Selbstredend ist also keine ,/Rasse" „rein"; und wollte man in der Anthropologie überhaupt mit dem Begriff Rassenreinheit operieren, so müsste man zunächst zur Fixierung des Rassenbegriffs einen ganz willkürlichen Zeitpunkt in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit als Ausgangspunkt wählen und die damals lebenden Individualitäten als Urrassen bezeichnen, um dann zu erkennen, dass es heute überhaupt keine Rassen mehr gebe — — obwohl es doch ganz sicher auf der Erde eine grosse Anzahl „Rassen" gibt, die sich doch wohl nicht allein durch funktionelle Faktoren unterscheiden, d. h. durch den G esichtsarisdruck, mit dem sie lachen, weinen, Gefahr -wittern und „nebbich" sagen. Statt vieler Worte ein Beispiel. Die lebende Zelle (ihr entspricht in dem obigen Gedankengang der LTrmensch) hat sich nach vier Hanptrichtungen differenziert: zur Epithel-, Stütz-, Muskel- und Nervenzelle. Diese vier Zellarten, Zellurrassen haben sich weiterhin in eine grosse Anzahl Unter-Individualitäten gespalten. Der Gesamtorganismus verfügt aber über kein einziges Organ, das nur aus einer Sorte jener Zellindividualitäten besteht. Ein jedes Organ stellt zwar ein ganz besonderes, eigenartiges Individuum dar, ist aber ausverschiedenen Zellarten in verschiedenem Mischungsverhältnis zusammengesetzt. Kein Epithel-, Stütz- Muskel- oder Nervenorgan ist also rassenrein, die Organe sind vielmehr Rassenindividualitäten, die nicht nur funktionell, sondern auch stabil-anatomisch grundverschieden und typisch sind. Ich halte es auch für sehr bedenklich, wenn Schleich die Berücksichtigung des funktionellen Moments für die Rassenfrage im Laufe seiner Ausführungen so mächtig steigert, dass er sich schliesslich, bevor er auf den jüdischen Typ zu sprechen kommt, zu dem einseitigen Ui'teil versteigt: „Rasseininterschiede sind vielleicht sämtlich vielmehr funktionell als formativ. Man bedenke: die Unterschiede zwischen einem Indianer, einem Papua und einem Chinesen sind vielleicht sämtlich vielmehr funktionell als formativ! Der Wunsch, die Bedeutung des Funktionellen möglichst scharf