Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 3 (März 1906)
- Article
- Die ideale Organisation einer allgemeinen israelitischen Allianz
- Date
- 1906-03-01
- Page
- Seite 167 - 168 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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167 Mathias Acher, Wien: Die ideale Organisation einer allgemeinen israelitischen Allianz. 168 ist. Und wie sollten Lei dieser Suche die Gedanken nicht zur Alliance Israelit« Universelle ziiiilckkehren? Gewiss! Sie ist heute nicht universell — nach keiner der Richtungen, nach welchem sie es sein sollte. Gewiss liegen ihr manche Tätigkeitsgebiete —, ich erinnere nur an das jüdisch-kulturelle der Sprache, der Kunst, und der Yolkseigenart — auch organisch noch so ferne, dass sie vorläufig ganz unabhängige Organisationen brauchen. (Jewiss sind auch auf anderen Gebieten, die ihr nicht so fremd sind, schon grosse selbständige Organisationen vorhanden oder zu erwarten. Nein, lassen wir nur allen diesen Entwicklungen ruhig ihren Lauf, ja fordern wir sie, wenden wir aber gleichzeitig unsere Aufmerksamkeit der alten Alliance Tsraelite Universelle zu! Führen wir ihr neue Kräfte zu! Lassen wir uns ihre; äussere und innere Erweiterung angelegen sein, heben wir sie allmählich zu dem empor, was sie nach den Intentionen ihres Gründers hätte werden sollen und nur deshalb nicht wurde, weil es zu früh war: Zu einer grossartigen Organisation des jüdischen 'Volkes als Volkes. GABRIEL RIESSER. (Zu seinem hundertsten Geburtstag) von Prof. Dr. M. Philippson. Der Mann, den wir heute feiern, hat das Glück, von den Anhängern aller Richtungen im Judentum gleich anerkannt und verehrt zu werden. Wie die Helden des alten Homer, hat er als Vorkämpfer für sein ganzes Volk gestritten, in unermüdlichem Mut, in nie ermattender Ausdauer. Aber in unblutigem Ringen, das auch den von ihm Besiegten zugute kommen sollte, das nur dem Untergange des Unrechts, der Knechtschaft und der Lüge galt. Nicht nur für die Juden ist Gabriel Riesser ein Verfechter des Rechts und der Freiheit gewesen, sondern auch für das deutsche Volk, und das hat ihn dafür geehrt und hochgehalten, wie wenige unter Riessers Stammes- und Glaubensgenossen. Er hat niemals sein Deutschtum von seinem Judentume getrennt. „Wer mir den Anspruch auf mein deutsches Vaterland bestreitet", sagt er in „Börne und die Juden", „der bestreitet mir das Recht auf meine Gedanken, meine Gefühle, die Sprache, die ich rede, auf die Luft, die ich atme; darum muss ich mich gegen ihn wehren, wie gegen einen Mörder." Und an einem anderen Orte: „Bietet mir mit der einen Hand die Emanzipation, auf die alle meine innigsten Wünsche gerichtet sind, mit der anderen die Verwirklichung der politischen Einheit Deutschlands, mit seiner politischen Freiheit verknüpft, ich würde ohne Bedenken die letztere wählen; denn ich habe die feste, tiefste Ueberzeugung, dass in ihr auch jene enthalten ist." So war er Deutscher ebenso wahr und treu, wie Jude. Aber wir wollen ihm heute huldigen als dem heroischen Streiter für uns und für unsere Sache, für die Gleichberechtigung und Gleich- Nachdruck verboleii. Stellung der Juden, und somit auch für die angemessene Würdigung des Judentums im Staate und in der menschlichen Gesellschaft. Schon sein Lebensgang zeigt ihn aufs innigste persönlich verknüpft mit den Geschicken des Judentums in Deutschland. Geboren am 2. April 1806 in Hamburg, musste er bald erfahren, wie tief seine Glaubensgenossen in der freien und Hansa-Stadt durch die Besorgnis der Kleinbürger vor dem jüdischen Wettbewerb herabgedrückt waren. Sie waren aller politischen Rechte beraubt, von den zünftigen Gewerben, dem. Apotheker- und Barbierstande, allen öffentlichen Aemtern und Anstellungen, auch der Advokatur, von der Rhederei und der Erwerbung grösserer Grundstücke ausgeschlossen. Im Besitze gründlicher jüdischer und allgemeiner Bildung, nach der Erwerbung des juristischen Doktorgrades summa cum laude, wünschte Riesser Privatdozent an der Universität zu Heidelberg zu werden: es wurde ihm von der badischen Regierung verweigert. Da wollte er sich als Anwalt für Handelssachen in seiner Vaterstadt niederlassen: der Hamburger Senat wies ihn ab. Er siedelte nach Bockenheim bei Frankfurt a. M. über und bewarb sich um das hessische Bürgerrecht: auch da wurde er abschlägig beschieden. Allmählich kamen, nicht am wenigsten durch seine Schriften, gerechtere und humanere Gesinnungen zum Durchbruche. Im Jahre 1840 ging in Hamburg das Gesetz durch, dass zwei jüdische Notare zugelassen werden sollten; da ward Riesser Notar in seiner Vaterstadt. Endlich brachten das Jahr 1848 und seine Folgeereignisse dort die annähernde Gleichstellung der Juden zu Wege — und so errang