Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1906-02-01 · Heft 2 (Februar 1906) · p. Seite 133 - 134

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 2 (Februar 1906)
Article
Alfred Kerr
Date
1906-02-01
Page
Seite 133 - 134 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2583875-2583943-2583946-2593182--05936-2593262
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

133 134 ALFRED Von Leo Re Die Propheten erstehen wieder ... in der Literatur. Der hohe Rythmus des biblischen, lyrischdithyrambischen Stils wird von den Neuesten wieder voll begriffen. Man gibt keine wissenschaftlichen Exkursionen mehr, sondern künstlerische Form. Es ist nicht mehr gestattet, eine abstrakte Sprache zu reden; wir verlangen, dass Alles, auch das Begriffliche, in das Zuständliche, in das Bild, übersetzt werde. Der Stil des lachenden Tänzers Zarathustra war dazu der Vortrab, die Fanfare. Die Verkörperung dieser neuen Sprachkunst, die man eine jüdische nennen köni te, und das Vorbild in ihr ist Alfred Kerr. Der Prophet und Kämpfer der Moderne, dem diese Zeilen gewidmet sind, scheint ein neuer jüdischer Schriftsteller; schon für den ersten Blick hat er jüdische Züge und jüdische Launen. Zwar ist nicht seine Sprache biblisch, wenn er auch oft frohlockende Dithyramben findet--, aber seine Bilder; seine Phantasie ist biblisch genährt. Schon sein Lieblingsbild leuchtet uns vertraut: König David, mit der Harfe und der Schleuder die Philister jagend; und die Davidsbündler, den „Gesang der seligen Schärfe" singend . . . Das Symbol des Kritikers . . . Wenn er im Rausch den alten Judengott Adonai herbei ruft: — so ruft uns warm sein Blut zu: ich bin Euer, und schäme mich nicht, es zu zeigen. Wenn er unsern zauberischen Heinrich beruft, der ihm so viel ist, und seine zarten, seine schauerlichen undgroteskherrli. henVerse zitiert — er weiss genau: das ist Fleisch von seinem Fleisch, und Blut von unserm Blut. Daher auch kann erRichardWagners christlichmystischen Parsifalnebeldunst nicht ausstehn, so viel der Lyriker ihn sonst schätzt . . . Daher hat er eine ferne, starke Sympathie für das MStehaurmännertum, die Macht zu dauern", bei den Juden. Und er zahlt es dem Herrn Heyermanns heim, der das nicht begriffen hat; und der ein reaktionär - liberales, provinzlerisch aufklärerisches Programm hat. Ich hätte dem Herrn Heyermanns nicht anders getan . . . * ... :;: Diesen graziösen Geist zu betrachten, lohnt sich stets. Er ist ein lyrischer Kritiker und ein spöttischer Dichter; er ist ein bedeutsamer Schriftsteller mit eigenen Melodien und Farben. Er ist viel Heine, er ist n der kristallischen Konzentration seiner Form ein gutes Stück Moderne. Wie ein ungezogener Junge, in dem aber schon in der Keimzelle die feinste Grazie lebte, springt er herum und teilt mit geschmeidigem Eisen spitzige, stechende Hiebe aus. Ein etwas ungezogener Prophet. . . Dieser spottscharfe Lyriker konnte kein geradliniger Kritiker werden. Er mussle ein Reich für sich haben; und er schuf sich die ungemeine Form. Seine Betrachtung geht nicht auf Gedanken, sondern auf Stimmung, Lyrik, auf singende Melodien; auf Charakter- Alfred Kerr. KERR. i n , Berlin. Nachdruck verboten, züge, auf das Wesen des Dichters, in einigen Sätzen formuliert. Die andern Kritiker untersuchen peinlich, mit Mikroskopen und wissenschaftlichen Apparaten; seine Sache ist die bewusst gebildete Instinktkritik. Er gibt also keine abgestempelte Kritik, sondern ein wundervolles Capriccio, keineAbhandlung, sondern Komposition von Gegensätzen. Von seelischen Melodien und kritischer Schärfe, von Sachlichkeit und schärfstem Spott. Die Andern analysieren nur; er zergliedert und gestaltet die Analyse zu einem Bilde, zu einem künstlerischen Eindruck; er gestaltet den Eindruck einer Persönlichkeit. Durch glänzende Bilder erreicht er eine Tiefe, eine einprägsame Schärfe und sinnlich-lebendige Plastik der Charakteristik, wie sonst niemand. Es ist nicht schwer, seine ekstatischen Rausch- und Symbolworte lächerlich zu machen. Doch wer erreicht die Zaubersprache dieses glühenden und schneidenden Stilisten? Diese Sprache, extrem, metallisch; leuchtend wie ein Komet, der am Horizont aufblitzt und in jenseitigen Welten verschwindet . . . Hoheitsvolle Starrheit, etwa die Hofmannsthals, ist nicht die Art dieses Stils. Seine ist aber eine heinischglänzende, helioiropfarbene Lyrik. Heinesche Lyrik und Detbheit, mit Wedekind verstärkt, das Ganze mit den neuen Künsten der Moderne verfeinert, — — das sind die Väter dieses singulären Stils. Das beste aber ist sein Eigenstes : die geschmeidige Eleganz und unsagbare Kristallisation dieser Sprache; ihr helles Glühen. KerrsLyrik wird nicht aus Schmerzen geboren, sondern aus dem lachenden Genuss des Lebens; — wenn auch manchmal tiefgezogene Töne von Liebesleiden kommen. Auch seine Satire ist keine blutig bittere, sondern eine lachendscharfe, verulkende. Man denkt an einige entzückende Kleinodien seiner Prosa: an die krähende Greisin am Klavier; an das trauervolle Tra . . . tra . . . über einen guten Trompeter . . . Das sind Dinge, in denen mit Stelzenschritt, gespreizt, der Geist der Groteske umgeht. Und dann sind da die seelige Schärfe der Kritikerreden; und ganz besondere Impressionen, die seeligirrsinnig glühen; in ihnen ist das Rauschen sphärischen Wahnsinns . . . * .-. * Das instinktive, geniesserische Betrachten des Kunstwerks schuf ihm seine Kunstanschauung. Keine Theorie, sondern durch und durch gefühlte und einverleibte Anschauung. Hier entstand die Lehre: der Kritiker habe den feinsten Geschmack, er schreibe für Feinschmecker und für Alle . . . Hier liegt auch eine leise, versteckte Tragik: die schwere Unlust, in die uferlose Breite (nicht in die Tiefe: da kam er weit genug;) technischer Probleme und Gedankengebäude zu dringen . . .; die Beschränkung, vor Nur-Theorien still zu stehen, um den Stil nicht zu gefährden .... Deswegen und dennoch ist er der geborene Kunstbetrachter. Der sichere Geschmack wird nie fehlen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.