Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1906)
- Article
- Platons Leichenbegräbnis
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 111 - 112 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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111 112 PLATONS LEICHENBEGÄNGNIS. Von Binjamin Segel. Nachdruck verboten. An einem trüben, kalten Xaoliinittair kehrte ich von einem längeren .Ausflug na eh der Stadt zurück. Ich «••in**- die breite, ziemlich einsame danowerstrasse entlang, die zu beiden Seiten von zerstreuten kleinen Häuschen eingerahmt war, zwischen denen sich hie und da öde (Gemüsegärten mit welkem (Grün lagerten, oder entlaubte Baumgruppen sich schwärzlich vom «Trauen Himmel abhoben. Von der Stadt kam ein Trauerzug herbei, deieinen ungewöhnlich niederdrückenden Anblick darbot. Auf* einem armseligen Wagen stand ein kleiner schmaler Sarg, kaum verhüllt von einer ausgefransten Decke, an deren Rändern die ehemals eingestickten Buchstaben verblichen waren. Auf dein Bock schlummerte der in einen groben Mantel eingewickelte Kutscher, das magere Pferdelien trottete langsam und schläfrig dahin. Diesem (Gespann folgte eine Droschke, in der eine dichtverhüllte Frauengestnlt hin und her geschüttelt wurde, von der aber nur der fahle Schimmer der (Gesichtsfarbe bemerklich war. Sonst folgte niemand dem Zug. Hinterher kamen nur zwei ältere Männer, in denen ich zwei meiner älteren Freunde erkannte. Ich schloss mich ihnen schweifend an. Wer war es, dem sie das letzte Geleite gaben? . . . Als wir wortlos eine Strecke zu rück feiert hatten , wandte ich mich mit fragendem 'Blick an einen von ihnen. Fr neigte sich herüber und flüsterte: ..Plate!" ich konnte mich kaum eines Aufschreis enthalten. Fr stand wie lebendig vor mir, der kleine, wackelige (Greis, den wir halb scherzend, halb ehrfurchtsvoll ..unsern Plafo" nannten, und der nun nach dem Friedhof hinausgeführt wurde. Ich entsann mich lebhaft der wunderlichen Szene, in der ich ihn kennen lernte. Frst vor einem Jahre war es gewesen. Auf meinem tätlichen (Gang von der l'ni versitäfsbibliothek tratich häutig in einen kleinen 'Laden ein, wo eine ältliche blasse Frau Zigaretten, Schreibzeug und Papier feilhielt. Mich zog die, peinliche Sauberkeit, die im Laden herrschte, und der stille, freundliche (Gesichtsausdrnrk der Verkäuferin an. Oftmals am Abend drang durch die verhängte (Glastür aus dem angrenzenden Zimmer ein ge- (lämi)ftes Murmeln, welches wie der liebe alte Singsang tönte, mit dem wir vor .Jahren im Bethamidrasrh den Talmud zu studieren pflegten. Lines Abends, als ich eintrat, war die (ilastüre nur angelehnt. die hereind ringende Stimme war viel deutlicher hörbar. Ich lauschte ihr, während mein Linkauf zusammengepackt wurde, da, dass war die alte traute Melodie, voll sehnsüchtiger Klänge, wie von einer geheimen Fxtase durchwogt, unterbrochen von jenen zeitweise entsehlfiipenden Interjektionen des Entzückens: „0 ah, ah, ha! . . . hm . . . hm . . . ho, ho, o weh! . . . Xoch einmal von Anfang! ach, ach, ha!" . . . -la, das waren die wundersamen, lieblichen Kadenzen, mit denen wir in den schönen Knabenjahren die stillen Winteiiiächte hindurch in die Tiefen der (Gelehrsamkeit einzudringen uns bemühten. Ich war von dein Klange der Melodie derart ergriffen, dass ich anfangs auf die Worte garnieht achtete, von denen sie getragen waren. Unwillkürlich kamen mir abgerissene tahnudisclie Sätze in den Sinn. Aber je aufmerksamer ich hinhörte, desto fremdartiger tönten die einzelnen Laute an mein Ohr: . . . tharrein ehre . . . eiase chairein . . . hegesameiios . . . apergadzestai . . . Nein, das war nicht Hebräisch. Und da rieselte es in einemfort, Avie das sanfte (Gemurmel eines .Büchleins, allemal von einem Seufzer oder von einem Ausruf verhaltener Begeisterung unterbrochen. Ich horchte gespannt. ..Mein Vater lernt", sagte die blasse Frau mit einem stolzen Lächeln. Meine Neugierde wuchs. Lndlich gelang es mir, aus den Bruchstücken einen halbwegs zusammenhängenden Satz herauszuhören: . . . allä tuton de heneka tharrein ehre . . . darum auch muss er beruhigt sein wegen seiner eignen Seele, ha, ha . . . tharrein ehre peri te heantu psyche andra . . . ja, ja, beruhigt sein soll er, . . . tas inen alias hedonas . . . tas peri'to söma . . . eiase chairein . . . wenn er alle Vergnügungen des Leibes, alle die Dummheiten, ach, ach, ja . . . alle die Kindereiii, o weh . . . alle die 'Narrheiten, die sich auf das trübe Lehm, auf den Staub, der unseren Leib bildet, beziehen, verabscheut hat . . . sondern nur . . . kosmesas ten psychen uk allntrio, . . . geschmückt hat seine Seele nicht mit fremden, ah, ah. ah, nicht, mit fremden Zierat und kindischem Flitterwerk, sondern womit denn hat' er sie geschmückt? . . . hin, hm, ah . . . allä to autes kosino. sondern ■ mit ihrem eigenen Schmuck, . . . noch einmal . . . fo autes kosmö . . . mit ihrem eignen Schmuck, mit dem Schmuck, welcher ihr allein ansteht . . . was lieisst aber ihr eigner Schmuck? . . . oh, oh, oh . . . das heisst sophrosyne, te kai dikaiosyne, kai andreia . . . kai eleutheria, kai aletheia . . . das heisst mit Weisheit . . . mit Weisheit . . . mit Chochniah also . . . mit (Gerechtigkeit . . . dass heisst mit Zedakah . . . kai andreia . . . und mit Tapferkeit, kai eleutheria . . . mit Fdehnut . . . mit-Wahrhaftigkeit!" Ich hatte genug gehört. .Dort drinnen sass also jemand und ..lernte" Pinto*) in der Ursprache und verteutschte sich ihn mit denselben ..Xiggun" und auf dieselbe Weise-, wie ein eifriger Talmud jünger, der etwa über einer ..herben" Mischnah brütet, sie in einzelne Sätze zergliedert, um jeden besonders auszukosten, den ganzen geistigen Inhalt ans ihm herauszupressen und ihn zu gemessen. Mein Staunen und meine Neugierde waren dermassen angeregt! dass ich unbewussf einen Schritt tat, um in das angrenzende Zimmer zu treten, *j Phaedo cop. GO.