Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1906)
- Article
- Partei und Weltanschauung
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 99 - 100 (sequence 5)
- Language
- German
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habius Schach: Partei und Weltanschauung. 100 Verwandlung der Naturgesetze für die dudenheit-erwartet, der kann .sich ihre rcntwickelunjr garnicht anders denken. Wer mag es leugnen, dass der jüdische Nationalismus in der kurzen Spanne Zeit seit seiner 'Regeneration schon Grosses geleistet, hat? Das Aufblühen der hebräischen und Jargonliteratur, die schönen Anfänge des jüdischen Dramas, die ersten Zeichen der jüdischen Kunst und der jüdischen Volkskunde, — sie bilden Erscheinungen, die jeden .luden mit Trost und Hoffnung erfüllen. Aber all diese Dinge sind durch den jüdischen Geist und nicht durch Parteien entstanden. Wo sie mit dem Parteiwesen in Berührung kamen, da erlitten sie eher eine Schwächung als eine Förderung. Das liegt in der Natur der Sache, denn jede Parteiliteratur ist unfrei und einseitig. Wir sind erst durch den jüdischen Nationalismus und nicht durch die Emanzipation vom inneren Ghetto befreit worden und wir wollen uns nicht in eine neue enge AVeit sperren lassen. Was uns modernen .luden am meisten not tut, das ist die Achtung und das Verständnis für die Ueberzeugung des andern. Wir müssen lernen, einander zu verstehen statt zu befehden. AVenn man erst den Prozess des Werdens verfolgt und einsieht, dass das Gewordene kein willkürliches, künstliches Produkt ist, dann ist diese Tugend nicht so schwer zu erlangen. Der jüdische Nationalismus ist ein so grosses Feld, dass er Raum für alle jüdischen Anschauungen bietet, er wirkt befruchtend auf alle, die ihn erkannt haben, und bei weitgehender Freiheit kann er uns allen Arbeit im Dienste der Gesamtheit bieten und auch für den Ausbau unserer Weltanschauung 'Bausteine und für die Selunüekung unseres inneren Heims 'Blumen spenden. Der jüdische Volksgeist ist es, der uns durch alle inneren und äusseren Drangsale der Zeit geholfen, der uns gestützt und neu belebt hat. Wir stehen heute am '.Beginne einer schönen Entwicklung, und je weniger wir nach gewaltsamen Lösungen trachten, desto herrlicher wird diese Fntwickelung vor sich gehen. Die Freiheit ist der Ausgangspunkt und das Endziel der grossen jüdischen Bewegung. Die wahre Freiheit aber verträgt weder fremde noch eigene Knechtung. Nicht, nach künstlich konstruierten Normen und nach entlehnten Schablonen, sondern nach den inneren Gesetzen soll sich die jüdische Volksseele entwickeln. SONN INO. Von M.J. Schwarz. Seit der Zerstörung Palästinas ist das jüdische Volk ebenso sicher, dazu verurteilt, sich gegen eine ganze Welt von Feinden mit unzulänglichen Waffen zu verteidigen. Blut und Tränen sind die Spuren seiner ewigen Wanderung, und sein verzweifelter Kampf ums Leben ist gleichsam ein Kampf um das Recht, weiter leiden zu dürfen. Bisher identifizierte man den Höhepunkt der jüdischen Leiden mit den finsteren Zeiten des Mittelalters. Von nun an aber wird man darüber streiten dürfen, ob der Blutdurst des spanischen Torquemada grösser war als der des russischen, ob die abergläubischen Völker des Mittelalters sich in der Grausamkeit mit dem gebildeten und ungebildeten Pöbel Russlands und Rumäniens messen können. Die Martern der Juden bilden stets einen Masstab für die Kulturhöhe ihrer Peiniger, jedes Volk plagt seine Juden so mitleidslos und hart, wie es seine Erziehung eben noch zulässt. Der Instinkt ist immer und überall der gleiche, nur die Arten der Exekution sind verschieden. Man tut daher den slavischen Völkern unrecht, wenn man sie allein vor allen als Barbaren bezeichnet. In den Ländern Mitteleuropas gedeiht die Giftpflanze des Judenhasses auf demselben Dünger, sie erscheint nur ein wenig veredelt, ihre Wirkung geschieht jedoch Prof. Luigi Luzzatti der neue Schatzminister Italiens. Nachdruck verboten, wenn auch nicht so rasch. Das macht die eigentümliche Bodenkultur. — Noch milder, aber doch deutlich genug, äussert sich die Judenfeindschaft in den freien Ländern der Angelsachsen; auch sie, die grosszügigsten und grossmütigsten unter den Europäern, sie, die sich selbst beinahe die Hälfte der Erde und alle Meere dienstbar gemacht haben, besitzen nicht genügend freien Geist, um den verfolgten und heimatlosen Juden an ihren Küsten eine Arbeitsstätte zu gewähren. Hass und Verachtung gegen Israel erfüllt die zivilisierten Nationen jetzt ebenso wie einst, ja heute mehr als je zu vor in der Geschichte der neueren Zeit. Angesichts dieser trostlosen Lage empfand man allenthalben in der Judenheit eine begreifliche Genugtuung darüber, dass eine europäische Nation den Mut besitzt, zwei Männern jüdischer Herkunft die Geschicke ihres Landes anzuvertrauen. Die wichtigsten Ressorts des italienischen Kabinetts, nämlich das Präsidium und das Finanzministerium,werden z.Z. von Juden versehen. Italien ist das einzige Land, in dem die Juden als Vollbürger gelten. Welch eine Ironie des Schicksals! Während die modernen Völker Europas eine immer grössere Kluft zwischen sich und den Juden schaffen, nehmen zwei Söhne des geächteten Volkes