Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1906)
- Article
- Das neue Beethoven-Denkmal in Bonn
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 83 - 84 (sequence 3)
- Language
- German
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83 Dr. Julius Levin, Paris: Das neue Beethoven-Denkmal in Bonn. 84 durchsieht, die sich Beetliovensclie Skizzen nennen, so glaubt man, es habe auf ihnen eine Feldschlacht getobt. So geht es auf ihnen drunter und drüber. Dieser Ausdruck hat nichts Uebertriebenes. Beim aufmerksamen Lesen wird man oft genug zwei Themen auf derselben Reihe übereinander geschrieben finden. Das hindert nicht, dass schliesslich nur eines gilt. Und was das Seltsamste bleibt, es gilt immer das bessere. In der Partitur sieht die Sache anders aus. Hier bei der endgültigen Abfassung ist Beethoven von erstaunlicher Sicherheit. Hier macht er kaum eine Korrektur. Das Ganze sieht aus, wie auf einen Zug geschrieben. Bs erscheint als eine grossartige Improvisation. Beim Lesen oder Anhören wird man von der Arbeit im werktäglichen Wortessinne nichts merken. Alles ist entschieden, und alles erscheint ursprünglich. Dasselbe empfindet man vor der Beethoven- Büste Aronsons. Der Eindruck ist mächtig und grossartig. Man denkt nicht an die Skizzen- und Studienarbeit. Man muss die Entstehung des Werkes kennen, man muss die Befugnis haben, statt des Gefühls den \rerstand einzuspannen, um sich klarzumachen, dass hier aus einem grossen Einzelmaterial ein Empfindungskoloss hin aufgewirbelt worden ist, dessen Einheitlichkeit zur Bewunderung hinrei>st. Der Künstler hatte nach Vollendung des Tons ein Gipsmodell machen lassen, das auf einem improvisierten Sockel im Garten des Beethoven-Hauses aufgestellt wurde. Der Vorstand des Vereins „Beethoven-Haus", Herr Dr. Kniekenberg, lud die Mitglieder zu einer Besichtigung ein, deren Ergebnis der Beschluss war. das so plötzlich entstandene Werk für die Dauer zu erhalten und in einem seiner Bedeutung würdigen Materiale ausführen zu lassen. Man begreift diese plötzliche Begeisterung, und das Erfreulichste ist, dass sie sich mit dem tieferen Studium des Werkes selbst vertieft. Nichts wird auf die im Beethoven-Haus zu empfangenden Eindrücke bosser vorbereiten können als das Denkmal, das am heutigen Tage eingeweiht wird. Hat man den Hausflur durchschritten, an der Treppe vorbei, die bereits herausgebrochen war und durch einen merkwürdigen Glücksfall wieder an Ort und Stelle gebracht werden konnte, so tritt man in den stillen Garten. Er ist geblieben, wie er zu Beethovens Zeiten gewesen ist. Da stehen noch die Bänke, auf denen das „erhabene Kind" vielleicht auch gesessen hat; im Hintergrunde des Gartens ragt der grosse Baum auf, in dessen Schatten es Schutz gesucht hat. Unter diesen Baum kehrt jetzt Beethoven zurück, aber nicht als das arme Kind, sondern als Heroe. Der Schatten fällt jetzt auf das Haupt des Beherrschers der musikalischen Welt. Aus einem Sockel von grünlichem Emsgranit wird die Bronzebüste gleichsam herausspringen wie ein Funke aus dem Stein. Diese Büste stellt nicht bloss Beethoven dar; sie gibt den Beethoven. Ohne jedweden Apparat, oüne Aeusserlichkeit, durch das blosse plastische Erfassen Beethovenschen Geistes und Gemüts ist von Aronson ein Werk geschaffen worden, das künstlerisch und rein menschlich aufs Tiefste ergreifen muss. Wie ein Vorgebirge, das gegen den Anprall der feindlichen Lebensflut sich stemmt, ragt die Stirn hervor, der Sitz der Gedanken, umrahmt von reichem Haare, die im Winde fliegen, wie Laub. Die Stirn krönt einen prachtvollen Antlitzunterbau, der auf einem mächtigen Halse ruht. In dem Antlitze liegen zwei Abgründe: die Augen. Der Ausdruck ist ein echt Beetliovensches Gemisch von liefer Melancholie und unendlicher Güte. Was uns an Beethoven so ewig menschlich und künstlerisch erhaben dünkt, alles hat Aronson in diese Büste hineinlegen, in ihr vergeistigen können. Sein Werk ist etwas, das zu schaffen jeder Künstler als sein höchstes Ideal ansehen wird, nämlich etwas Endgültiges. Wenn es schwer ist, einen Voltaire oder Gluck zu meisseln, nachdem Houdon das Bild dieser Männer festgestellt hat, wenn wir uns Homer, Plato, Caesar und andere grossen Geister in einer bestimmten Form vorstellen und nicht anders, so wird es uns vielleicht mit Beethoven so gehen, dass wir ihn uns nur oder vorwiegend in dem Bilde vorstellen, das Aronson von ihm gegeben hat. Es ist eben der wahre Durchschnitt aus der Summe von Realem und Idealem, die jeder grosse Mann darstellt, es ist ein Porträt und doch ein Höheres, es ist eine Vergötterung und doch ein Stück Natur. Es ist ein plastisches Meisterwerk, über dem der Geist des Dargestellten wachen möge! ORAZIADIO ASCOLI. von Prof. Dr. Die Auszeichnung, "welche clor deutsche Kaiser jüngst dein berühmten (Mehrten Ascoli in Mailand durch die 'Verleihung des Ordens pour ]e inerite zuteil werden liess. dürfte in manchen Kreisen die Frage nach den besonderen Verdiensten des Gefeierten anregen. Graziadio Ascoli hat bei seiner Geburt am 3G. Juli 1829 von seinen Eltern in Görz die hebräischen Xamen Elchanan Jesaja erhalten — Namen, die als eine gewisse Prädestination sich erwiesen haben. Während Rieh an an an den Gottbegnadeten erinnert, den man A. Berliner. Nachdruckverboten. allgemein in dem unvergleichlichen Sprachgelehrten erkennt, erscheint Jesaja mit dem klaren Seherblick, der in die geheimsten Gesetze der Sprache einzudringen versteht. Ascoli hat im zartesten Knabenalter seinen Vater verloren; somit fiel der Mutter die Aufgabe der Erziehung zu, in der sie durch einen treuen Privatlehrer unterstützt Avurde, der den Knaben in den Elementargegenständen unterrichtete. Die Mutter suchte alsbald den Sohn für ihr (j!eschäft,eine l\apiei-hnndluiig,hei,anzuziehen, allein der mit