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Ost und West · 1906-01-01 · Heft 1 (Januar 1906) · p. Seite 65 - 66

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 1 (Januar 1906)
Article
Heinrich Heine über Juden und Judentum
Date
1906-01-01
Page
Seite 65 - 66 (sequence 3)
Language
German
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65 Heinrich Heine über Juden und Judentum, 66 Well, der verlassenen Bettstelle des göttlichen Geistes, sich eingenistet, wie sich Wanzenfamilien einnisten in der Bettstelle eines polnischen Juden. Zertritt man eine dieser Ideen- Wanzen, so läfst sie einen Gestank zurück, der jahrtausendelang riechbar ist. Eine solche ist das Christentum, das schon vor achlzehnhundert Jahren zertreten worden, und das uns armen Juden seit der Zeit noch immer die Luft verpestet!" Aus einem Briefe Heines (zitiert in der Abhandlung Max Jungmanns über „Heinrich Heine als Nationaljude". Berlin 1896.) Geist. Gegen ciuen Sklaven, der sich ans Armut verkauft hatte und dut\h sein Gesetz am Ende der sieben Jahre frei wurde und das Haus seines Herrn nicht mehr verlassen wollte — ordnet Moses an, dass dieser Strauchdieb, dieser unverbesserliche Bettler gekennzeichnet werde durch ein Loch im Ohrläppchen, das sein Herr ihm am Aufstieg des Tores durchbohrte. O Mosche Rabenu, unser Meister und Erzieher, erklärter Feind jeder Sklaverei, gib mir deinen Hammer und deinen Nagel, damit ich die langen Ohren unserer empfindsamen Sklaven durchbohre, in der schwarz-rot-goldenen Livree, am Brandenburger Tor in Berlin!" Aus den „Geständnissen" Heinrich Heines. „Diese grosse Figur (Moses) hat mir nicht wenig imponiert. Welche Riesengestalt! Ich kann mir nicht vorstellen, dass Og, König von Basan, grösser gewesen sei. Wie klein erscheint der Sinai, wenn der Moses darauf steht! Dieser Berg ist nur das Postament, worauf die Fiisse des Mannes stehen, dessen Haupt in den Himmel hineinragt, wo er mit Gott spricht. Gott verzeih' mir die Sünde — manchmal will es mich bedünken, als sei dieser mosaische Gott nur der zurückgestrahlte Lichtglanz des Moses selbst, dem er so ähnlich, ähnlich im Zorn und in der Liebe. Es wäre eine grosse Sünde, es wäre Anthropomorphismus, wenn man eine solche Identität des Gottes und seines Propheten annähme — aber die Aehnlichkeit ist zu frappant. Ich hatte Moses früher nicht sonderlich geliebt, wahrscheinlich weil der hellenische Geist in mir vorwallend war, und ich dem Gesetzgeber der Juden seinen Hass gegen alle Bildlichkeit, gegen die Plastik, nicht verzieh. Ich sah nicht, dass Moses trotz seiner Befeindung der Kunst dennoch selber ein grosser Künstler war und den wahren Künstlergeist besass. Nur war dieser Künstlergeist bei ihm, wie bei seinen ägyptischen Landsleuten, nur auf das Kolossale und Unverwüstliche gerichtet. Aber nicht wie diese Aegypter formierte er seine Kunstwerke aus Backstein und Granit, sondern er baute Menschenpyramiden, er nieisselte Menschenobelisken, er nahm einen armen Hirtenstamm und schuf daraus ein Volk, das ebenfalls den Jahrhunderten trotzen sollte, ein grosses, ewiges heiliges Volk, ein Volk Gottes, das allen anderen Völkern als Muster, ja der ganzen Menschheit als Prototyp dienen konnte! Er schuf Israel." Aus den „Geständnissen" Heinrich Heines. * * * „Anstalt gegen die Unmöglichkeit zu kämpfen, anstatt törichterweise die Abschaffung des Eigentums zu beschliessen, strebte Moses nur danach, es zu moralisieren. Er hat das Eigentum mit der Moral vereinigt, mit dem Recht der reinen Vernunft, und er hat sein Ziel erreicht durch den Zehnten, durch das siebente Jahr des Brachzwanges und durch die Einführung des Jubeljahres, ein Zeitabschnitt, in dem jedes veränsserte Eigentum zum ersten Eigentümer zurückkehrte .....Freiheit! Freiheit! Das ist immer der erste und letzte Gedanke des Emanzipators des Menschengeschlechts. Kr hassie bis zum Unwillen jede Sklaverei, jeden knechtischen Wie über den Werkmeister, hab' ich auch über das Werk, die Juden, nie mit hinlänglicher Ehrfurcht gesprochen, und zwar gewiss wieder meines hellenischen Naturells wegen, dem der judäische Ascetismus zuwider war. Meine Vorliebe für Hellas hat seitdem abgenommen. Ich sehe jetzt, die Griechen waicn nur schöne Jünglinge, die Juden aber waten immer Männer, gewaltige, unbeugsame Männer, nicht bloss ehemals, sondern bis auf den heutigen Tag, trotz achtzehn Jahrhunderten der Verfolgung und des Elends. Ich habe sie seitdem besser würdigen gelernt, und wenn nicht jeder Geburtsstolz bei den Kämpen der Revolution und ihrer demokratischen Prinzipieu ein närrischer Widerspruch wäre, so könnte der Schreiber dieser Blätter stolz darauf sein, dass seine Ahnen dem edlen Hause Israel angehörten, dass er ein Abkömmling jener Märtyrer, die der Welt einen Gott und eine Moral gegeben und auf allen Schlachtfeldern des Gedankens gekämpft und gelitten haben. Die Geschichte des Mittelalters und selbst der modernen Zeit hat selten in ihre Tagesberichte die Namen solcher Ritter des heiligen Geistes eingezeichnet: denn sie fochten gewöhnlich mit verschlossenem Visier. Ebenso wenig die Taten der Juden wie ihr eigentliches Wesen sind der Welt bekannt. Man glaubt sie zu kennen, weil man ihre Bärtc gesehen, aber mehr kam nie von ihnen zum Vorschein, und wie im Mittelalter sind sie auch in der modernen Zeit ein wandelndes Geheimnis .... Aus Heines „Geständnissen". * * * Seltsames Volk, das seit Jahrhunderten immer geschlagen wird, immer weint, immer duldet, fortwährend von seinem Gotte vergessen wird und doch so zäh und treu an ihm hängt wie kein anderes unter der Sonne. 0, wenn Märtvrertum adelt und Geduld und Treue, Ausdauer im Unglück, so ist dieses Volk adlig vor vielen anderen. Lesen wir doch die Geschichte des Mittelalters, dieser klassischen Zeit des verbündeten Pfaffen- und Rittertums, es gibt kein Jahr darin, das für die Juden nicht bezeichnet wäre durch Foltern, Scheiterhaufen, Enthauptungen, Brandschatzungen und Massacres! Und zwar leiden die Juden unter den Anhängern Christi, den durch ihre Religion gebildeten, immer mehr als unter den rohesten und wildesten Völkern .... Alfred Meissner: 11. Heine, Ktinterungen.

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