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Ost und West · 1906-01-01 · Heft 1 (Januar 1906) · p. Seite 63 - 64

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 1 (Januar 1906)
Article
Heinrich Heine über Juden und Judentum
Date
1906-01-01
Page
Seite 63 - 64 (sequence 2)
Language
German
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63 Heinrich Heine über Juden und Judentum. 64 kennt als den Despotismus, eine Religion der Humanität, die stets nui die grausamste Barbarei ausgeübt hat. Die Christen sind erst menschlich geworden, seitdem sie an ihre Religion nicht mehr glauben, seit der Renaissance und der Reformation. Ein Piotcstant ist ein Katholik, der den Aberglauben der Dreieinigkeit verlässt, um dem jüdischen Monotheismus entgegen zu gehen. Der Jude seinerseits muss die andere Hälfte des Weges machen. Ich bin nun Protestant geworden. Ich bin in die Festung eingetreten, um sie besser zerstören zu können. Aber ich zerstöie zur selben Zeit die jüdischen TSollwerke, damit beide sich vereinigen auf dem gemeinsamen Felde der Freiheil." Mitgeteilt von Alexander Weil in seinen Souvenirs intimes de Henri Heine 1683 * * * Vom Verein1) schreibst Du nur wenig. Denkst Du etwa, dass die Sache unserer Brüder mir nicht mehr so am Herzen liege wie sonst? Du irrst Dich dann gewallig. Wenn mich auch mein Kopfübel jetzt niederdrückt, so hab' ich es doch nicht aufgegeben, zu whken. Verwelke meine Rechte, wenn ich deiner veigesse, Jei-uscholajim! sind ungefähr die Worte des Psalmisten, und es sind auch noch immer die meinigen. Aus einem Briefe an Moser vom 9. Januar 1824. * * * Ich weiss nicht, was ich sagen soll, Cohen versichert mich, Gans predige das Christentum und suche die Kinder Israel zu bekehren. Tut er dieses aus Ueberzeugung, so ist er ein Narr; tut er es aus Gleissnerei, so ist er ein Lump. Ich werde zwar nicht aufhören, Gans zu lieben; dennoch gestehe ich, weit lieber wär's mir gewesen, wenn ich statt obiger Nachricht erfahren hätte, Gans habe silberne Löffel gestohlen. Dass Du, lieber Moser, wie Gans denken sollst, kann ich nicht glauben, obschon es Cohen vei"sichert und es sogar von Dir selber haben will. — Es wäre mir sehr leid, wenn mein eigenes Getauftsein Dir in einem günstigen Lichte erscheinen könnte. Ich versichere Dich, wenn die Gesetze das Stehlen silberner Löffel erlaubt hätten, so würde ich mich nicht getauft haben. — — — Vorigen Sonnabend war ich im Tempel und habe die Freude gehabt, eigenohrig anzuhören, wie Dr. Salomon gegen die getauften Juden loszog und besonders stichelte: wie sie von der blossen Hoffnung, eine Stelle (ipsissima verba) zu bekommen, sich verlocken lassen, dem Glauben ihi-er Väter untreu zu werden. Aus einem Briefe Heines an Moser v. 14. Dez. 1825. * * * Ich bereue sehr, dass ich mich getauft hab'. Aus einem Briefe Heines an Moser v. 9. Jan. 1826. * * * Du hattest damals auch einige sehr gute Gedanken über Judentum, christliche Niederträchtigkeit der Proselytenmacherei, Niederträchtigkeit der Juden, die durch die Taufe nicht nur die Absicht haben, Schwierigkeiten fortzuräumen, sondern durch die Taufe etwas erlangen, etwas erschachern wollen, *) Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden. und dergleichen mehr, diu Du gelegentlich einmal aufschreiheu solltest. Du bist ja seihständig genug, als dass Du es wegen Gans nicht wagen dürftest, und was mich betrifft, so brauchst Du Dich wegen meiner gar nicht zu genieren.-- Aus einem Briefe Heines an Moser v. 23. April 1826. * * * Ich mache kein Hehl aus meinem Judentum, zu dem ich nicht zurückgekehrt bin, da ich es niemals verlassen hatte. Ich habe mich nicht laufen lassen aus Hass gegen das Judentum .... Vgl. Gustav Karpeljs: Heinrich Heines Biographie. Hamburg 1885. * * * Dennoch, trotz der barbarischen Pelzmütze, die seinen Kopf bedeckt, und der noch batbarischcren Ideen, die denselben füllen, schätze ich den polnischen Juden weit höher als so manchen deutschen Juden, der seinen Bolivar auf dem Kopf und seinen Jean Paul im Kopfe trägt. In der schroffen Abgeschiedenheit wurde der Chai akter des Juden ein Ganzes, durch das Einatmen toleranter Luft bekam dieser Charakter den Stempel der Freiheit. Der innere Mensch wurde kein quodlibetartiges Kompositum heterogener Gefühle und verkümmerte nicht durch die Einzwängung Frankfurter Judengassmauern, hochweiser Stadtverordnungen und liebreicher Gesetzbeschränkungen. Der polnische Jude mit seinem schmutzigen Pelze, mit seinem bevölkerten Barte und Knoblauchgeruch und Gemauschel ist mir noch immer lieber als mancher in all seiner staatspapiernen Herrlichkeit. Aus Heines Schrift „über Polen". * * * Ich hätte ihm (Shylok) etwas mitzuteilen gehabt, was ihm Vergnügen machen konnte, dass z. B. sein Vetter, Herr von Shylok, zu Paris (gemeint ist Baron Rothschild) der mächtigste Baron der Christenheit geworden und von Ihrer katholischen Majestät den Isabellenorden erhalten hat, welcher einst gestiftet ward, um die Veitreibung der Juden und Mauren aus Spanien zu verherrlichen. Aus Shakespeares Frauen und Mädchen: Porzia. * * * Ich spreche von jener Religion, in deren ersten Dogmen eine Verdammnis alles Fleisches enthalten ist, und die dem Geiste nicht bloss eine Obermacht über das Fleisch zugesteht, sondern auch dieses abtöten will, um den Geist zu verherrlichen, ich spreche von jener Religion, durch deren tinnatürliche Aufgabe ganz eigentlich die Sünde und die Hypokrisie in die Welt gekommen, indem eben durch die Verdammnis des Fleisches die unschuldigsten Sinnenfreuden eine Sünde geworden und durch die Unmöglichkeit, ganz Geist zu sein, die Hypokrisie sich ausbilden musste; ich spreche von jener Religion, die ebenfalls durch die Lehre von der Verwerflichkeit aller iidischen Güter, von der auferlegten Hundedemut und Engelsgeduld, die erprobteste Stütze des Despotismus geworden. Vorrede zur Geschichte der neueren schönen Literatur in Deutschland 1833. * * * „Ich nenne das Christentum eine Idee, aber welche! Es gibt schmutzige Ideenfamilien, die in den Ritzen dieser alten

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