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Ost und West · 1906-01-01 · Heft 1 (Januar 1906) · p. Seite 5 - 6

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 1 (Januar 1906)
Article
Jüdische Autonomie
Date
1906-01-01
Page
Seite 5 - 6 (sequence 3)
Language
German
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5 Mathias Acher: Jüdische Autonomie. 6 Für die Juden, indem sie ihnen nicht nur diese für sie doppelt wertvolle Aussicht, sondern noch o-anz andere, tiefere, innerlichereAusblicke eröffnet. Im Westen steht die nationale Autonomie vor der grössten Aufgabe. Hier mangelt der jüdischen Gemeinschaft die nationale Sprache. Nun ist diese nicht etwa ein Stück des Wesens der Nationalität, vielmehr nur eine Aeusserung derselben, die den nationalen Geist in natürlicher und unübertrefflicher Weise organisiert und dadurch zu erhöhten Leistungen, zu selbständigen Werken befähigt. Es ist also nicht die Sprache als solche, sondern ihre organisierende Kraft, die kultursteigernd und schöpferisch wirkt. Wenn es nun gelingen könnte, diese natürliche organisierende Kraft durch eine soziale, gewollte, wenigstens einigermassen zu ersetzen, so müsste wieder Zug in die westjüdische Volksseele kommen. Und was kann es da besseres geben als die nationale Autonomie? Sie, die vorerst durch nationale Wahlen Wähler und Gewählte aller Parteien mit kulturellem Verantwortlichkeitsgefühl erfüllt und, was die bleibendeHauptsache ist, durch ein nationales Schulwesen, durch die Konzentration jüdischer Geister, unbedingt zu nationalen Kulturerfolgen führen muss? Und man braucht auch nicht zu glauben, dass nur die Westjuclen Oesterreichs von dieser heilsamen Wandlung der Dinge ergriffen würden. Die nationale Autonomie ist kein österreichisches, sondern ein neues nationales Menschheitsprinzip und es ist gar nicht ausgeschlossen, dass es, wo die Vorbedingungen gegeben sind, für die Juden auch anderwärts zum Durchbruch kommen wird. So sicherlich in den Vereinigten Staaten, deren Judenschaft schon jetzt ganz merkwürdige und den nationalen Juden sympathische Tendenzen aufweist. Ausserdem ist die Rückwirkung auf jene westlichen Länder, in welchen die jüdische Autonomie aus lokalen Gründen nicht durchführbar sein dürfte, auch wertvoll genug. Eine grössere Lebhaftigkeit der jüdischen Note im Leben der Juden dieser Gegenden wird immerhin erzielt werden. Für den Osten hat die jüdische Autonomie nicht diese geradezu schöpferische Funktion. Dafür ergibt sie sich dort mit viel unmittelbarerer Logik als im Westen. Und kommt als weiteres kulturerhaltendes Mittel zur Sprache, die dort nicht mangelt, hinzu. Dort kann sie im Vollen arbeiten. Dort ruft nicht eine Zukunft nach ihr, die geboren werden will, dafür aber die sichere lebende Gegenwart, um weiter leben, um sich reicher, leuchtender,prächtiger entfalten zu können. Und eine Gegenwart, an der acht Millionen Juden teilnehmen. Denn auch hier handelt es sich nicht um die galizischen und bukowinischen Juden allein, sondern auch um die ganze russische Judenheit, für die ja die Autonomiefrage auch schon längst aufgeworfen ist. xAUes in allem: Mit dem Gedanken der nationalen Autonomie scheint dem jüdischen Volke ein neuer glücklicherer Stern aufgegangen zu sein. Und was das Verheissungsvollste ist: Alle nationalgesinnten Gruppen, ohne Unterschied ihrer Ziele, haben es erkannt und die Fernerstehenden ahnen es in staunender Ueberraschung. DIE RUSSISCHE REVOLUTION UND DIE JUDENFRAOE. Dunkle, gewitterschwere Wolken haben sich über dem Schicksal der Juden Ost-Europas zusammengezogen. Das furchtbare Martyrium, Anm der Redakt.: Der Autor dieses Artikels gehüit zn den hervorragendsten Persönlichkeiten der Petersburger Judenheit und zn den besten Kennern der politischen Verhältnisse in Russland. Seine Betrachtungen verdienen daher, besonders bciücksichtigt zu werden. Obwohl wir uns im Hinblick auf die UngewissheU der Entwickelung der politischen Verhältnisse in Russland keinem abschliessenden Urteil Mahnruf eines russischen Juden.1) Opfer der Judenverfolgungen in Russland. (Im Kampfe mit der Polizei und den Hooligans gefallenes hervorragendes Mitglied der jüdischen „Selbstweht" und des „Bundes" zu Odessa.) Nachdruck verboten. das zweitausend Jahre j ü d is c h e r G esch i ch t e ausmacht, wurde am Beginn des 20. Jahrhunderts um Gräuel bereichert, vor denen selbst die üher die Zukunft der Juden in Russlaud vollends anschliessen möchten, so halten wir dennoch die obigen Ausführungen für ausserordentlich wichtig und besclnänkten uns daher nicht nur auf die Publikation dieses Artikels in unsejemBlaltc, sondern geblatteten im Interesse der Sache auf Wunsch auch zwei anderen Zeitschriften in Deutschland und England diesen Artikel gleichzeitig zu veröffentlichen.

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