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Ost und West · 1906-01-01 · Heft 1 (Januar 1906) · p. Seite 3 - 4

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 1 (Januar 1906)
Article
Jüdische Autonomie
Date
1906-01-01
Page
Seite 3 - 4 (sequence 2)
Language
German
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3 Mathias Ach er: Jüdische Autonomie. 4 sich auf das Wesen der Nationalität als Kultnrindividualität besonnen und will sie nicht mehr zu Machtzwecken missbrauchen lassen. Aus diesen Voraussetzungen heraus wurde die Idee der nationalen Autonomie geboren. Sie besagt im wesentlichen folgendes: Die Nationalitäten erfüllen heute die österreichische Politik gerade deshalb mit ihrem Lärm, weil sie als solche kein Recht haben. Weil jedes Volk darauf angewiesen ist, sich die Befriedigung seiner kulturellen Bedürfnisse im Reichsrate und in den Landtagen durchzusetzen, ist das Fazit ein Kampf aller gegen alle. Darum müssen die nationalen Angelegenheiten, ähnlich wie die religiösen, aufhören, eine gemeinsame Sache zu sein, bei der alle mitzureden haben, und müssen zur Sache der einzelnen Nationen gemacht werden. Jede Nation soll sich ihre kulturellen Dinge, so namentlich die Schule, selber verwalten. Nationale Reichsverbände, Provinzialverbände und Gemeinden sollen diese Sorge übernehmen und das entsprechende Besteuerungsrecht erhalten. Als Ergänzungen und Garantien dieses Systems sind Vertreter der einzelnen Nationen in der Regierung, nationale Beamtenkontingente und die nationenweise Wahl der Abgeordneten in den Reichsrat und in die Landtage gedacht. Noch vor kurzer Zeit nur wenigen Strebenden bekannt, ist die nationale Autonomie jetzt auf aller Lippen. Selbst der Ministerpräsident hat in seiner letzten grossen Wahlrechtsrede, von ihrer Zukunft gesprochen. Ihr Wesen und ihr Umfang sind zwar noch wenig begriffen, man befasst sich meist bloss mit ihrer Anwendung auf die Wahlen. In Mähren ist sie sogar diesbezüglich schon teilweise gesetzliche Wirklichkeit geworden. Aber gerade dadurch führt sie sich rasch in alle Volksschichten ein. Und gerade dadurch hat sie mit einem Male das Problem des jüdischen Volkes aufgerollt. Wenn allen österreichischen Völkern ihr nationales Grundrecht verbürgt werden soll, warum nicht auch den Juden, die diese Verbürgung am dringendsten brauchen? Diese Frage, bisher , nur von •Einzelnen in kleineren Kreisen erhoben, wird jetzt plötzlich allenthalben . laut. Sie wrurde im Abgeordnetenhause von jüdischer Seite (Doktor Straucher) und rutheniseher Seite (Professor Romanczuk) aufgeworfen. In einer Wiener jüdischen Massenversammlung, vor der der Schreiber dieses Aufsatzes referierte, wurde die Aktion eingeleitet. Ein Komitee — gebildet aus Mitgliedern verschiedener jüdischer Parteien und Gruppen und aus Persönlichkeiten, die sich ältere oder besondere Verdienste um die jüdische Volkssache erworben haben — befasst sich mit den vorläufig notwendigen Schritten. Eine rationelle Organisation wird erst zu schaffen sein. Man kann ruhig behaupten, dass diese Vorgänge weltgeschichtliche Bedeutung haben. Denn zum ersten Male winkt dem jüdischen Volke für einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner Gemeinschaft und für eine nicht zu entfernte Zukunft die öffentlich - rechtliche Anerkennung seiner Kultur-Individualität und der aus ihr fliessenden Rechte. Das muss von den weittragendsten Wirkungen ebenso auf die allgemeine als auf die jüdische Gesamtheit sein. Gewisse Leute mit Geleise-Gehirnen haben nichts eiligeres zu tun, als die früher oder später 2u erwartende Zuerkennung der nationalen Autonomie an die österreichischen Juden für einen Sieg des Antisemitismus zu erklären. In Wirklichkeit aber kann sie ihn nur schwächen-, da sie zum ersten Male die Gleichberechtigung als ein von allen Voraussetzungen, auch der der Assimilation, unabhängiges absolutes Prinzip feststellen wird. Das muss man festhalten, nicht die ganz belanglose Zustimmung der Antisemiten zur jüdischen Autonomieforderung. Was kann man denn anderes von ihnen erwarten? Sie wären ja keine Antisemiten, d. h. keine Leute, die die Richtung der Entwicklung durchaus verkennen, wenn sie sich nicht vom Unausweichlichen: Der Anerkennung der jüdischen Nationalität, das Willkürliche: die Isolierung der Juden versprächen. Nicht sie sind die Vorahner des Werdenden, sondern jene nichtjüdischen Freunde der Autonomie, die über allen Verdacht des Antisemitismus erhaben sind, und deren es sehr viele — unter ihnen Persönlichkeiten allerersten geistigen Ranges — gibt. Die nationale Antonomie stellt die Gleichberechtigung der Juden auf unerschütterliche Grundlagen. Sie schafft zwischen Juden und Nichtjuden klare Verhältnisse, die mit der Zeit zu freundnachbarlichen Beziehungen führen müssen; sie ermöglicht überhaupt erst ein wahrheitsgetreues Bild vom Wesen des jüdischen Volkes, sie reiht es unter die Völker der zivilisierten Menschheit ein. Wer könnte also übersehen, welchen Segen sie bedeutet? Für die Menschheit, indem sie ihr die Aussicht eröffnet, dass eine der wirksamsten Organisationskräfte der Reaktion, der Antisemitismus, allmälig lahmgelegt, wird.

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