Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Eine Vogelschau über die Entwickelung der amerikanischen Judenheit in den letzten 250 Jahren
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 667 - 668 (sequence 2)
- Language
- German
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667 Dr. Isidor Singer: Eine Vogelschau über die Entwicklung der amerikanischen Judenheit in den letzten 250 Jahren. 668 waltungschef des Jewish Theological Seminary of America und der Redakteur des amerikanischen Departments der Jewish Encyclopedia, eine Versammlung ein, in der er den ungefähr 40 anwesenden Herren die Zweckmässigkeit der Sammlung und eventuellen Veröffentlichung von Dokumenten und Monographien zur Geschichte der Juden in Nord-, Zentral- und Südamerika auseinandersetzte; in echter Yankee fashion wurde stante pede die Gesellschaft organisiert, mit Oscar S. Straus, dem früheren amerikanischen Gesandten in der Türkei, als Präsidenten und dem jungen, energischen und talenüerten Einberufer (A. wurde am 13. September 1863 in Van Buren, Staat Arkansas, geboren) als Sekretär. Die Gesellschaft hält regelmässige Jahresversammlungen ab: die bisherigen Versammlungsplätze waren New York, Philadelphia, Baltimore, Washington und Cincinnati. Seit 1899 ist Dr. Cyrus Adler zum quasi ständigen Präsidenten erwählt worden, während Herr Straus sich als Ehrenpräsident in den literarischen Ruhestand versetzen Hess. Ex ungue leonem. Das Minyan von Titeln der Abhandlungen, welche den XII. (i. e. letzterschienenen) Band der Schriften des Vereines (1904) ausmachen, wird dem Leser auf kürzestem "Wege eine richtige Vorstellung von dem Inhalte der Forschungen der heranwachsenden Generation iüdisch-amerikanischer Historiker geben: 1. Die Inquisition in Peru. 2. Die Juden in Südkarolina von ihrer frühesten Niederlassung bis zum Ende der amerikanischen Revolution. 3. Judah P. Benjamin als Staatsmann und Jurist. 4. Jüdische Gerichtsprozesse von 1793 bis 1904. 5. Die Juden in Boston bis 1875. 6. Geschichte der Juden in Mobile (Staat Alabama). 7. Ein jüdischer Armeekaplan (Dr. Arnold Fischel). 8. Die Entwickelung der jüdisch - kasuistischen Literatur in Amerika. 9. Jüdische Ketzer in den Philippinen-Inseln im 16. und 17. Jahrhundert. 10. Plan zur Sammlung statistischer Daten, die Juden der Vereinigten Staaten betreffend. Da der Historiker, um nicht zum trockenen Chronisten herabzusinken, sich das Privilegium wahren muss, in gegebenen Fällen über die Ereignisse auch zu Gericht zu sitzen, so möge es mir gestattet sein, hier, den Vorschlag zu machen, die Bar Mizwahfeier der American Jewish Historical Society durch Amalgamation mit der American Plistorical Association zu markieren, erstens, da sie den wichtigsten Teil der ihr zugefallenen Spezialarbeit vollendet hat, besonders aber, um dem Prinzip der Assimilierung zum Durchbruche zu verhelfen. Zionistische Leser werden wahrscheinlich über einen solchen Vorschlag verachtungsvoll die Achseln zucken. Wenn sie aber ernsthaft bedächten, dass in Anbetracht der absoluten Aussichtslosigkeit, ihre edlen Träume von einer nationalen Wiedergeburt Israels in naher Zukunft durchgeführt zu sehen, und der geringen Hoffnung auf eine baldige Emanzipation der Juden in Russland, die osteuropäische Judenfrage in der Neuen Welt ihre Lösung werde zu finden haben, so würden sie, die sich ja mehr um das Wohl der armen Brüder, als um die Befriedigung idealistisch-romantischer Grillen kümmern, dessen bin ich sicher, bald ihr Veto gegen das Aufgehen der 1 500 000 Juden der Vereinigten Staaten in der civitas Americana zurückziehen. Dr.. Moritz Steinschneider, mein grosser enzyklopädischer Urahne — sein Plan von 1844 wird in allerdings veränderter und erweiterter Form am 31. Dezember 1905 i. e. mit der Veröffentlichung des XII. Bandes der Jewish Encyclopedia seinen triumphierenden Abschluss gefunden haben —, verdient die unbeschränkte Bewunderung und Anerkennung aller aufgeklärten Freunde der jüdischen Volks- und Religionsgenossenschaft für sein hartnäckiges Festhalten an dem Prinzip, dass die jüdische Wissenschaft aus den Seminarien in die Universitäten übersiedeln und die jüdische Literatur ein integrierender Bestandteil der Weltliteratur werden müsse. Dieses führt mich in natürlichem Uebergange zu einer kurzen Betrachtung der drei wichtigsten Anstalten für die Pflege jüdischer Literatur und Wissenschaft in Amerika: die Jewish Publication Society of America und die beiden Rabbinerseminarien in Cincinnati und New York. Die jetzige Jewish Publication Society of America hatte zwei gleichnamige Vorfahren in der American Jewish Publication, welche 1845 von dem Rabbiner Isaac Leeser (1806—1868) in Philadelphia gegründet und 1S51 infolge eines vernichtenden Brandes des Vereinsgebäudes aufgelöst wurde, und deren New Yorker Nachfolgerin, welche ihr Gründungsjahr 1873 mit der Veröffentlichung einer englischen Uebersetzung des 4. Bandes des Graetzschen Geschichtswerkes (von dem Rabbiner James K. Gutheim, gestorben 1886 in New Orleans) markierte, aber bereits nach zwei Jahren das Zeitliche segnen musste. Volle 13 Jahre lebte die amerikanische Judenheit ohne einen einzigen jüdischliterarischen Verein bis am 3. Juni 1888 die noch jetzt blühende Gesellschaft mit dem Hauptsitze in Philadelphia gegründet wurde. Am Ende des 1. Jahres zählte sie 1071, am Schlüsse von 1903 4700 Mitglieder, welche für den für hiesige Verhältnisse bescheidenen Jahresbeitrag von $ 3 zwei bis drei Bände, jüdische Geschichte, Literatur und Religion behandelnd, zugesandt erhielten. Dass heute, trotzdem es in den Vereinigten Staaten ungefähr 80 000 Englisch sprechende, wohlhabende Familien gibt, die Jewish Publication Society of America, zu deren Direktoren nahezu 50 von den hervorragendsten Juden des Landes gehören, nicht mehr als 5000 Mitglieder zählt und die fernere Tatsache, dass trotz aller Bemühungen diese Ziffer stationär bleibt, ist ein klarer Beweis dafür, dass entweder unsere ge-