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Ost und West · 1905-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1905) · p. Seite 655 - 656

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
Article
Zum altbiblischen Gebot der Nächstenliebe
Date
1905-10-01
Page
Seite 655 - 656 (sequence 7)
Language
German
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655 Di*. Eduard Glaser: Zum altbiblischen Gebot der Nächstenliebe. 656 jedoch zu den Bewohnern des jüdischen Reiches gehört, ist ihm gegenüber das Gebot der Nächstenliebe durchaus nicht ausgeschlossen, sondern sogar subintelligiert, genau wie hinsichtlich des Freundes, der ja gleichfalls nicht speziell hervorgehoben wird; und wenn man die Bestimmungen der sechs (levitischen) Asylstädte beachtet (Numeri 35, 11 ff.), ^so sieht man, dass sogar dem Totschläger noch Erbarmen entgegengebracht wurde und die Möglichkeit der Rettung, gleichviel, ob er Israelit oder Nichtisraelit war. Und das trotz der in jener alten Zeit in Palästina so gut wie in anderen Ländern zu Recht bestehenden Blutrache! Das christliche Nächstenliebegebot ist im Grunde dasselbe wie das altbiblische, allerdings stellenweise viel mehr spezialisiert, deutlicher ausgesprochen und — dem universelleren Charakter des Christentums entsprechend — scheinbar umfangreicher. Joh. 13, 35 möchte ich indes nicht als weitergehend, sondern sogar als begrenzter auffassen, da dort nur von der Liebe der Anhänger Christi untereinander die Rede ist. Dagegen wird an mehreren Stellen die Liebe des Feindes sehr deutlich vorgeschrieben, vielleicht am deutlichsten in Matth. 5, 44 ff. Doch macht es den Eindruck, class dabei nur persönliche Feinde gemeint sind; von einem auf alle Völker und Menschen sich erstreckenden Nächstenliebegebot vermag ich im Neuen Testament so wenig wie im Alten etwas zu finden. Das wäre auch zur Zeit Christi so wenig durchführbar gewesen wie zur Zeit, als das jüdische Reich noch in Blüte stand und wie in unseren Tagen. Denn die Landesgrenzen und die kriegerischen Ereignisse setzten damals so gut wie heute der Nächstenliebe gewisse unüberschreitbare Schranken und liessen niemals eine allgemeine, die ganze Welt umspannende Nächstenliebe zur Durchführung gelangen. Es gab immer nur eine Individualnächstenliebe, keine kollektive oder gar über die Staatsgrenzen sich hinwegsetzende Nächstenliebe, wenn auch Ansätze dazu bisweilen vorhanden zu sein scheinen. Erst wenn das ganze Erdenrund Einen Kaiserstaat oder Eine Republik bilden und die gesamte Menschheit sich zu denjenigen Religionen bekennen wird, welche ein sich auch auf Andersgläubige erstreckendes Gebot der Nächstenliebe haben, erst dann wird das diesbezügliche biblische Gebot (ganz unterschiedslos, ob Alten oder Neuen Testaments) allgemeine Geltung erlangen können. Daran arbeitet aber vorläufig nur die internationale Gesellschaft der Friedensfreunde, die es indes bis jetzt noch nicht bewirken konnte, dass die Kanonen und Flinten mit etwas anderem als mit Pulver und Geschossen geladen werden. Die Nächstenliebe ist eben kein Element, aus dem man Shrapnells und Dynamitpatronen herstellen könnte. DIE JUDEN UNTER DER STADTISC Von B. Goldb Die Verteilung der jüdischen Bevölkerung auf Stadt und Land ist an und für sich ein wichtiges Moment des Volkslebens und einer Erforschung würdig. In der letzten Zeit ist aber die Klarstellung dieser Verhältnisse besonders aktuell geworden, denn laut Gesetz vom 6./19. August 1905 über die russische Volksvertretung erteilt das proklamierte russische Wahlgesetz der städtischen Bevölkerung ganz wesentliche Vorrechte, und die Chancen einer jüdischen Vertretung sind direkt vom Ueberwiegen der Juden in der städtischen Bevölkerung des Ansiedlungsrayons abhängig. Zum besseren Verständnis der betreffenden Verhältnisse will ich hier nochmals kurz die x) Dem Oktoberheft der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" (herausg. vom Bureau für Statistik der Juden Berlin-Halensee) entnommen. HEN BEVÖLKERUNG RUSSLANDS. ig in Wilna. Verteilung der jüdischen Bevölkerung über das ganze russische Gebiet und deren relative Dichte anführen. In den 25 Gouvernements des Ansiedlungsrayons, wo die jüdische Bevölkerung am dichtesten konzentriert ist, bildet dieselbe im Durchschnitt 11,46% der Gesamtbevölkerung, wobei die mindeste Dichte bei 4,02% (Gouv. Poltawa) beginnt und die maximale mit 18,12% in Warschau erreicht wird. Ausserhalb des Ansiedlungsrayons ist die Dichte der jüdischen Bevölkerung eine ganz minimale; sie sinkt in 47 Gouvernements unter %%, bleibt in 8 Gouvernements zwischen Y2% und 1%> m 7 Gouvernements zwischen 1 und 2% und erreicht nur in 2 Gouvernements mehr als 2% (Livland 2,24%, Kurland 7,33%). Wenn wir die Verteilung der jüdischen Bevölkerung in den noch kleineren administrativen

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