Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
- Article
- Die Frucht der Freiheit
- Date
- 1905-10-01
- Page
- Seite 605 - 606 (sequence 3)
- Language
- German
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605 Die Fracht der Freiheit. 606 teil erlebt? Und doch ist in keinem dieser Länder die errungene Verfassung in einem Meer von jüdischem Blute eingeweiht worden, hat in keinem dieser Länder — wenigstens in unseren Zeiten nicht — der Volksinstinkt zu solchen tierischen Greueln sich verstiegen! Dass die bürgerliche Freiheit, in Anwendung auf die Juden in Russland, ein toter Buchstabe bleiben wird, wie dies ja zum grossen Teile im Westen noch immer der Fall ist, darf wohl im voraus als sicher angenommen werden. Man wird sich wohl in Russland noch weniger beeilen, das Wort zur Tat werden zu lassen, als in Oesterreich, ja in Deutschland. Und bis die Theorie von der Gleichheit aller Bürger vor dem staatlichen Rechte in die russischen Massen dringen und ihre Gesinnung umgestalten wird, können noch Jahrhunderte vergehen. Mittlerweile aber wird dieses hohle Wort auf dem toten Papier, dieser Schein einer Gleichberechtigung nur dazu dienen, den Neid und die Missgunst der ehrgeizigen Hasser anzuspornen und diese Empfindungen vermittelst des freien Wortes und der freien Schrift zu nähren und wach zu erhalten. Für alle sozialen und politischen Uebel wird der dem Wortlaut des Gesetzes nach scheinbar gleichberechtigte Bürger verantwortlich gemacht werden, wie das ja immer und überall geschehen ist. Die Regierung aber wird sich nicht einmal zu schämen und Ausflüchte zu suchen brauchen. „Haben wir euch nicht die Freiheit gegeben? Ihr seid ja gleichberechtigte Bürger! Seht selber zu, wie ihr mit der Wirklichkeit fertig werdet!" Das werden die Früchte der Freiheit für die Juden sein! Sic vos non vobis . . Doch vielleicht reift im Herzen des mitlebenden Geschlechtes doch auch noch eine andere Frucht der „Freiheit": das klare feste Bewusstsein, dass es höchste Zeit für unser Volk ist, an dem Bau des eigenen Hauses zu arbeiten, und im eignen Garten einen Baum zu pflanzen, an dem ihm die Früchte der wahren Freiheit reifen! . . . . Klage von Hbigedor Kara. *) Hus dem Bebräiscben übersetzt von E-copold Zunz. Schau hernieder, 6ott der Rache, Denk* an Deines GClortes Hehren, führt Deiner Söhne Sache, Die getreulich Dich verehren. Strafe die, die frech verhöhnet Deiner Chora hehre Cöorte, Blutgericht, uns sonst verpönet, F>alte, fierr, am heiligen Orte! Jakobs f>irt, o hab' erbarmen! Zelt und Zierde liegt im Schmutze — Jakobs Grben sind die Hrmen, Stehn sie nicht in Deinem Schutze? Schau ich Deiner Söhne Qualen, Schau ich Deiner Cöcbter Schande, JVIöcbt ich's mit dem Leben zahlen, Gab' mein eigen Blut zum pfände! Cief gebeugt in JNot und Schmerzen, Klag', o F)err, ich immer wieder — ünd in die gebeugten Kerzen Cränenfluten rollen nieder! Rast Dein Tolk Du nicht erkoren, erstgebornen Deiner Seele? Rast Du es denn so verloren, Dass in Jammer es sich quäle? Sitze ich in bangen Stunden Toll von Hngst, von Blut und Leiden, fiab' ich wehevoll empfunden: Ton mir weichen alle freuden! Seit Dein Heiligtum verblichen, Ist,acb, der 6lanz,der Schönheit Zier Ton mir ganz und gar gewichen, Klag' und elend blieben mir! *) Gr lebte in präg i 15. Jahrhundert und war dort Zeuge furchtbarer Judenverfolgungen, sind die letzten Ausläufer der altsynagogfscben poeste. Seine 6ebctc und Selxcbot