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Ost und West · 1905-10-01 · Heft 10-11 (Oktober-November 1905) · p. Seite 603 - 604

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 10-11 (Oktober-November 1905)
Article
Die Frucht der Freiheit
Date
1905-10-01
Page
Seite 603 - 604 (sequence 2)
Language
German
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603 Die Frucht der Freiheit. 604 Blut tränken den Boden, unzählige Millionen an materiellen Werten sind zerstampft, verheert, in Asche und Staub verwandelt, zahllose Familien sind obdachlos, ihrer Habe bis auf den letzten Pfennig entblösst, der Ernährer beraubt, dem Elend preisgegeben, von Schreck über das Erlebte und von banger Angst um den kommenden Morgen gelähmt und betäubt, den nagenden Schmerz über unwiederbringliche Verluste im Herzen, auf lange hinaus unfähig, sich zu erheben, um den Kampf ums harte Dasein wieder aufzunehmen. Ganze Städte liegen in Schutt und Trümmern. Die Früchte viel jährigen, rastlosen Gewerbefleisses, ein in langer, mühevoller Arbeit erkämpfter, bescheidener Wohlstand ist aufgerieben. Und vor den grausam Gepeinigten erhebt sich die furchtbare Frage: Was soll das werden? Wie wird es weiter kommen? .... Was ist denn aber geschehen? Nichts. „Wir" haben bloss unsere Glieder ein wenig gereckt. Haben „wir" nicht etwa die Freiheit? .... Ist es nur ein Traum gewesen? .... Nein! Es war ein furchtbares Erwachen nach einem schönen wonnigen hoffnungsreichen Traum. So oft der süsse Mob, von gewissen Elementen der Bureaukratie und der sogenannten Intelligenz angeeifert und ermutigt, die Juden bald da, bald dort ein wenig totschlug und ihre Habe plünderte — und das geschah ja von Zeit zu Zeit mit der Notwendigkeit und Sicherheit eines chronischen Uebels — so oft trösteten sich zahlreiche unserer Brüder in Russland — und es waren just nicht die geringsten unter ihnen — mit der Hoffnung, dass, wenn erst einmal die Freiheit für das Volk erobert ist, auch die Menschenliebe und das Bewusstsein der Gleichheit aller vor dem Rechte in die Geister einziehen und die Greuel ein für allemal verschwinden werden. Diese unentwegten Optimisten und Ideologen glaubten standhaft an die Idee, glaubten mit einem Glauben, den keine Stürme zu entwurzeln, keine noch so harten Schläge der rauhen Wirklichkeit zu erschüttern vermochten. „Den Sklaven, der die Kette bricht — den freien Mann fürchte nicht!" Nur Sklaven wurden von viehischen Instinkten zur Grausamkeit, zum Mord, zum Brandstiften und Plündern getrieben. Macht den Sklaven frei, und er wird von den sänftiglichsten Gefühlen der Brüderlichkeit, der freundlichsten Gesinnung, der Achtung vor dem Rechte und dem Leben des Nächsten durchglüht werden. Und wie schwere Opfer haben sie für die Freiheit des russischen Volkes gebracht! Wie tapfer haben sie mitgekämpft! Wie wenig schonten sie das eigene Blut! Wie wenig achteten sie auf die eigene Freiheit! Wie viele modern ihrer in der Erde, wie viele verschmachteten in den Kerkern, weil sie die Fahne der Freiheit hochhielten! Nun ist die Freiheit gekommen, und . . . „Die letzten Zuckungen der . sterbenden Bureaukratie waren es, die, fühlend, dass ihr Ende gekommen, noch ein letztes Mal die schwarzen Banden ihrer Getreuen zu Hilfe rief, um sich für die ihr in Zukunft entfallenden Opfer schadlos zu halten!" — Die Leichtgläubigen, die Unverbesserlichen! Wer bürgt euch denn, dass die neugewonnene Freiheit des Wortes und der Schrift nicht dazu gebraucht werden wird, um eine grossartige Judenhetze einzuleiten? Wird nicht bald jede öffentliche Tribüne sich in . einen Altar verwandeln, auf dem dem Götzen des Judenhasses geopfert werden wird? Werden nicht unter dem Schutze der Immunität die gefährlichsten Brandreden gegen die Juden ins weite Land hinausflattern? Und glaubt man wirklich, dass die Redner in der künftigen Volksrepräsentanz — wenn überhaupt Juden in ihr je zu Worte kommen sollten — imstande sein werden, die eingewurzelten, gegen ihre Brüder sich kehrenden Volksleidenschaften zu bannen? Ist dies im Westen nach so vielen Jahren der herrschenden Freiheit und Gleichheit erreicht worden? Haben wir nicht in Deutschland, in. Oesterreich, in Frankreich das Gegen-

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