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Ost und West · 1905-09-01 · Heft 9 (September 1905) · p. Seite 593 - 594

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 9 (September 1905)
Article
Vom VII. Kongress
Date
1905-09-01
Page
Seite 593 - 594 (sequence 2)
Language
German
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593 Criticus: Vom VII. Kougress. 594 ein warmes Herz haben. Und ich möchte, dass Zang- Und die Menge ergötzte sich am Anblick der will diese Wahrheit mir auch nicht übelnehme. Sie Geisseiimg ihres Götzen von ehedem. . . . Nichts ist jedenfalls eine Pascalsche, wenn auch von mir zu- Neues unter der Sonne, gestutzte: „Diseur des bons mots, mauvais coeur." ... SZENE AUS BERLIN W. Von Siegbert Salter. Die Tempelfahrt. Am Vorabend des Jörn Kippur. Frau Rat und Fräulein Rat haben sich mittags beim Diner, just da man den Prager Schinken auf kleinen Birtterschnittchen servierte, plötzlich ihres Judentums erinnert und beschliessen, den „Tempel" zu beehren. Die Toilettenfrage ist bald gelöst. Das „Schwarzseidene" vom Vorjahre mit dem kostbaren Spitzenbesatz für Mama und die fraisefarbene Volantrobe für „das Kind", und damit basta! Nur recht viel Brillanten darüber, dann wird man doch Furore machen und sich in den bewundernden Blicken der lieben Mitschwestern sonnen können. Schwieriger schon ist die Frage des Soupers. Gott! es ist doch nun mal ein Festtag, und da muss man die Tafel schon ein bisschen besser besetzen. „Vielleicht petits pates ä la cardinal und Rehziemer;\ la provenoale? Was meinst du, Aram?" Aram, der ITerr Kommerzienrat, der in seinen Kinderjahren auf den Namen Abraham gelauscht, jedoch im Gegensatz zum Erzvater seinen Namen hatte verkürzen lassen, meinte gar nichts. Er war von dem sentimentalen Einfall der Gattin nicht sehr erbaut, und so Hess man denn bei Borchardt den kleinen Imbiss bestellen. Und weil „das Kind" für Eis ein besonderes ,.faible" besass, fügte man dem Menu noch eine Bombe a la Pückler hinzu. Nun galt es noch, die Zeit des Soupers zu bestimmen. Rats speisten gewöhnlich um halb neun. Aber diese religiösen Veranstaltungen dauerten ja immer eine Ewigkeit. Vor halb zehn würde man nicht zurück sein. „Da war es ja am besten, wir gingen nach der Vorstellung — pardon, nach der Synagoge zuKempinsky," meinte Herr Rat. „Aber Aram! Am Jörn Kippur! Was sollen die Leute denken?" „Die Leute? — Die Leute, die uns dort sehen, sind gescheite Leute und werden nur sagen: die sind mal vernünftig." Das Kind war von diesem Plan sehr eingenommen und wusste Mamas Bedenken zu zerstreuen. Schnell wurde das kleine Souper abbestellt und bei Kempinsky ein Tisch für sechs Personen belegt. .Man will doch unter sich sein. Im Bewusstsein des zu vollbringenden guten Werkes y.og man sich zu einem kleinen Verdauungsnickerchen zurück. ----- Nachdruck verboten. Nach einigen Stunden traf man sich wieder im Salon. Mama im Schwarzseidenen, sehr elegant, sehr würdevoll. Das „Kind" in Weiss und Fraise, duftig wie ein Frühlingshauch. Er im Smoking: man ging doch nachher zu Kempinsky. Jetzt fehlten nur noch die Brillanten und die doppelreihigen Perlenkolliers, die Aram — ein guter Vater und Gatte — letzte Weihnachten seinen Lieben beschert hatte. Da tönte die Entreeglocke. „Gräfin Waldau und Herr von Schilz", kündete der Diener. Man Hess bitten. Die Herrschaften kamen als Delegierte des Vereins zur Bekehrung „schwarzer" Negerkinder in Südwestafrika und Frau Rat brachte diesen löblichen Bestrebungen reges Interesse entgegen. In jenen Gegenden schien ja der krasseste Unglaube zu herrschen, und den Unglauben musste man bekämpfen — überall — wo man nur konnte. Um was es sich eigentlich handelte, war Frau Rat nicht so ganz klar, und als der junge Dichterphilosoph, der die intimen Zusammenkünfte der Frau Professor Scharr mit Geist versah, sie einst boshaft fragte, ob die kleinen Neger zum Judentum bekehrt werden sollten, da konnte sie nur antworten: „Welch ein Einfall, Herr Doktor. Natürlich zum Christentum!" Ob aber zum Christentum katholischer oder evangelischer Richtung, das wusste sie nicht zu sagen. Aber das störte die Herrschaften vom Verein weiter nicht. Und Frau Rat noch weit weniger. Sie gab, ohne zu zählen, und jene nahmen, ohne zu forschen, und man kam sehr nett aus zusammen. Man plauderte über dies und das, warf mit Hohen und Höchsten Patronessen freigiebig um sich und verabschiedete sich mit zuckersüssen Worten. Inzwischen war es spät geworden. Der Wagen wartete schon eine halbe Stunde. Nun schnell die Hüte auigesetzt und das elfenbeingezierte Gebetbuch in ein unauffälliges Zeitungspapier geschlagen und dann ging;s fort. Die beiden Füchse, ungeduldig von dem langen Warten auf dem harten Asphalt, legten sich kräftig ins Geschirr, und wie im Fluge ging es durch das trauliche Halbdämmer des Tiergartens, über die weite Lichtung des Königsplatzes. Als der Wagen jenseits der schwarz und träge dahinfliessenden Spree angelangt war, musste man im Schritt fahren, denn all die Frommen von Berlin W., die sich heute zum

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