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Ost und West · 1905-09-01 · Heft 9 (September 1905) · p. Seite 591 - 592

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 9 (September 1905)
Article
Vom VII. Kongress
Date
1905-09-01
Page
Seite 591 - 592 (sequence 1)
Language
German
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591 ö') 2 VOM VII. KONGRESS. Von Criticus. Ein grosser englischer Staatsmann — ich glaube, Peel war es — hat einmal die Meinung ausgesprochen, der gesunde, normale Gang des parlamentarischen Lebens erfordere direkt die Existenz zweier entgegengesetzter, feindlich einander gegenüberstehenderParteien. Und "wenn die grundsätzlichen Unterschiede zwischen den beiden Parteien noch so geringe, verschwindende wären — sie dürften nie abrüsten. Es gab ja häufig in England Momente, wo die Reibungen zwischen den Whigs und den Tories beinahe auf null reduziert waren — und dennoch hiess es — „polemos esto* — es sei Krieg. Jede Bewegung unterliegt diesem Geschicke. DeDn jede Bewegung hat zwei Pole. Eine grosse, vibrierende Fläche, die stärksten Vibrationen sind an den äussersten Enden bemerkbar, in der Mitte liegt der tote Punkt. Einst, in der glücklichen Zeit der brutalen Naivität, sprach man vom Nutzen der Einigkeit und Schaden der Uneinigkeit. Einigkeit! Als ob sie möglich wäre! Als ob nicht das Leben selbst jede Partei gewaltsam auseinanderreisst, bis sie früher oder später zerfällt, um sich neu zu gestalten. Man konnte diesen Prozess — „sul vivo" — aut dem letzten Zionistenkongress in Basel studieren. Es war ein grossartiges, vom Standpunkte der politischen Psychologie, wenn ich so sagen darf, ungemein interessantes Schauspiel. "Wie zwei Wälle standen beide Parteien des Kongresses, die der „Territorialisten" und der „Zione-Zion" einander gegenüber. Wie Wälle? O nein, die sind ruhig, unbeweglich — diese waren eine schäumende, rollende, grollende, sich gegeneinander bäumende Masse. Ich habe ein Bild gesehen und festgehalten. Das Bild des letzten Abends, da die beiden Parteien noch beisammen waren, den letzten Waffengang ausfochten. Auf der Tribüne stand ein Redner und sang eine Rede. Er sprach im singenden Tone der altjüdischen Wanderprediger, im altorientalischen Tone, den die Juden als Erbschaft bekamen. Rollende, grosse Augen, in denen ein starrer Gedanke, Erbitterung und Angst zu lesen waren. Ein starker, etwas vorgebeugter Mann mit dem Gesichte eines slavisierten Assyriers — eine seltsame Mischung des Golus. Und seine Worte waren Donner und Pfeile. Ungelenk, aber empfunden. Unpolitisch, aber volkstümlich. Er sprach von der Not des jüdischen Volkes, von der ungeheuren Last, die auf den Schultern des gemarterten, ausgemergelten, zu Tode gejagten Israel liegt. Die Last von Jahrtausenden. Moralische und materielle, körperliche und geistige Leiden! Das Volk geht unter im Strudel des Lebeos. Es will erleichtert werden. Mass seinen Ballast erleichtern. Muss den Golus loswerden, mit der ganzen Goluserbschaft. Los vom alten Leben, los von der Geschichte. Wir wollen geboren werden! Die Judenfrage ist nicht die Bodenfrage, es ist die Nationalfrage. — Es war ein Fluch der Vergangenheit, eine Marseillaise. . . . Und ein anderer Mann kam auf die Tribüne. Ein starker, mit sich fertiger, abgeschlossener Mann. Er hat sich überwunden, seine Liebe zur Gegenwart der Liebe zur Zukunft geopfert. Hier sprach das alte Judentum. Es zeigte seine alten Wunden und seine unverwüstlichen Kräfte. Es sprach in Tönen der Sehnsucht und der tiefen Liebe zum Leben, das nicht die Stunde, sondern das Unendliche umfasst — nach vorwärts wie nach rückwärts. Das Volk ist traummüde! Nachdruck verboten. Aber das Volk wird ohne Traum nicht leben können. Unser Volk ist vom Teige der Dichter. Wir dürfen nicht die alten Werte zerstören. Es wäre eine vandalische Zerstörung der besten Volksgüter, eine Untergrabung des Gebäudes. Die Gegenwart ist unerträglich? Aber wann war sie es nicht? Wann wird sie es nicht sein? Nur die Zukunft ist schön. Nehmen wir dem Volke nicht die schöne Hoffnung. Die Mutter Zion ruft nach ihren Kindern. . . . Beide Männer stiegen hinab zu den Ihrigen, zu denen, aus deren Seele sie sprachen. Nominell kämpften ja beide Parteien um reale politische Ansichten, um Tatsachen. Aber in der Tat waren es Imponderabilien, um die der Kampf wogte. Die alten, immer neu auftretenden, heiworstürmenden Gegensätze im Judentum kämpften gegeneinander. Was war das "Christentum, das paulinische Evangelium, im Grunde anderes, als der Kampf der Moderne mit dem historischen Judentum? Wohl waren diesmal die Vertreter der bilderstürmerischen Partei sich selbst nicht bewusst, dass sie Bilderstürmer seien, sie haben vielleicht selbst die Motive ihrer Handlungen nicht verstanden. Aber das kommt noch Nur-politische Anschauungen könnten nie solche Erbitterung, solche Gegnerschaft, die in Feindschaft überging, inneihalb einer jungen Partei, die die Rettung des jüdischen Volkes zum Zweck, die Einheit des jüdischen Volkes zur Devise hat, hervorrufen. In den seelischen Motiven liegt der tiefe Grund. Beides Pole einer und derselben vibrierenden Linie. Die Bejahung und die Verneinung des historischen Judentums. Und dazwischen der tote Punkt. Sie sind auseinandergegangen. Ein Exodus fand statt. Die Trennung vollzog sich. Aber umsonst. Sie können sich nicht trennen, auch wenn sie es noch so sehnsüchtig wollten. Die beiden Pole gehören zueinander, weil sie immer koexistierten. Und der alte jüdische Weise lächelt verständnisvoll: „Nichts Neues unter der Sonne." Und noch ein Bild: das vom gefallenen Götzen. Wie gerne Menschen ihre alten Götter verlassen! Zwischen Liebe und Hass ist nur ein Schritt. Es war ein sonderbarer Anblick, als eine grosse, nach Hunderten zählende Versammlung in frenetischen Jubel ausbrach bei einer Szene, die eigentlich alles andere als Jubel hätte hervorrufen müssen. Es war die öffentliche Geisselung eines gefallenen Grossen, eines Lieblings von gestern, es war die Abschlachtung Zangwiils. Ein Arbeiter aus England tat es. Und seine Worte waren wie Fuchtelhiebe. Zangwill, dieser Mann mit der Totenmaske, zitterte vor Wut, sein bleiches Gesicht entfärbte sich noch mehr unter der Peitsche des Gegners. Des Schriftstellers Boden ist gewöhnlich ein schwankender, wenn er als solcher in das wirkliche Leben tritt. Zangwill hat vergessen, dass geistreiche Worte, schön zugespitzte Epigramme wohl ergötzen, aber nicht ernst genommen werden können, werden dürfen. Er hat es vergessen und den Missgriff begangen, die Prägunpen ein s Esprits für vollwertige Münze zu halten und sich selbst zu täuschen. Und da kam das reelle jüdische Leben, und ein Vertreter des arbeitenden jüdischen Volkes, der Masse, die keine Pointen und keine „Bonmots" versteht, sagte ihm die ganze Wahrheit offen ins Gesicht und erklärte — er — Zangwill — verstehe sich darauf, Träumende und Schwärmende zu schildern und eventuell zu verspotten, aber nicht sie aus dem Schlafe zu wecken. Dazu muss man ein grosser Politiker sein.

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