Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 9 (September 1905)
- Article
- Zum Jubiläum der Hamburger Portugiesengemeinde
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 587 - 588 (sequence 4)
- Language
- German
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587 Dr. Paul Rieger: Zum Jubiläum der Hamburger Portugiesengemeinde. 588 Der Rückgang der Gemeinde2) begann mit dem Wegzuge begüterter Familien wie der Teixeira und der Nunes aus Hamburg und wurde durch das Ausbleiben geeigneten Ersatzes weiter befördert. Eheliche Verbindungen mit hochdeutschen Familien haben der Gemeinde weitere Mitglieder entfremdet. Das werlvollste Denkmal der Portugiesengemeinde ist daher keine Gegenwartsleistung, sondern ihr Begräbnisplatz in der Königstrasse in Altona. Ein Teil des Grundstückes wurde 1611 erworben, aber erst durch einen weiteren Ankauf 1654 abgerundet. Bis dahin wurden von 1627 an Bestattungen auf dem Friedhof im Stadtnnern (Bet Haym de dentro) auf den Kohlhöfen vorgenommen. Von 1654 an ist dann der Altonaer Begräbnisplatz bis zu seiner Schliessung im Jahre 1869 (1877) benutzt worden. In langen Reihen haben hier die Träger der edelsten Namen der spanisch - portugiesischen Judengeschichte ihre letzte Ruhestalt gefunden. In die nach spanischer Sitte zu ebener Erde oder auf niedriger Ummauerung ruhenden wuchtigen Marmor- oder Sandsteingrabplatten sind in vornehmer Steinmetzarbeit die Wappen der Adelsgeschlechter der Portugiesengemeinde eingemeisselt: die Wappen der Aboab, der Nunes Henriques, der Namias de Castro, der Teixeira ■de Mattos und vieler anderer. Wiederholt ruhen statt der Platten kostbare reichornamentierte Sleinsarkophage auf den Grabstätten. Allerlei Bildschmuck ziert ausser den Wappenschildern eine grosse Anzahl dieser Grabdenkmäler, deren Kunstwert von dem verfeinerten Geschmack der portugiesischen Juden beredtes Zeugnis ablegt. Hier wird das Opfer Abrahams, dort Jakobs Traum, hier die Herzlosigkeit der Brüder Josephs, dort David mit der Harfe und einmal sogar ein Daniel in der Löwengrube dargestellt. Dieses Grab schmücken Engel, welche die Lebensfackel auslöschen, ienes halbverschleierte trauernde 2) Die Allonaer Porlugiesengemeinde bestand von 1703—1387. Genien. Hier allegorisiert das beflügelte Stundenglas, dort die scheidende Sonne, hier ein entlaubter Baum, dort ein Engel als Schnitter die Vergänglichkeit des Erdendaseins. Die Sprache der Denkmäler ist zumeist hebräisch und spanisch oder portugiesisch. Schwülstige Redensarten und die üblichen Uebertreibungen sind in den Inschriften zumeist vermieden. In seiner erhabenen Schönheit darf der Portugiesenfriedhof zu den herrlichsten Friedhofstätten der Erde gezählt werden. Leider, leider ist schon ein grosser Teil der herrlichen Steine bedenklich verwittert. Die wenigen an sich verdienstvollen, aber zumeist recht primitiven Abzeichnungen in der erwähnten Schrift Grunwalds geben eine schwache Vorstellung von der Mannigfaltigkeit und Schönheit der Bildhauerarbeiten. Von den grossen Toten, die hier ihre Heimstatt gefunden, seien nur der Arzt Rodrigo de Castro, der Gelehrte Jacob Fidanque, Juda Leon Carmi. der in Lissabon geborene Dichter und Grammatiker Mose Gideon Abudiente, der durch seine spanischen Dichtungen berühmt gewordene „Hamburger Camoens" Joseph Frances, der Sprachforscher Binjamin Musaphia. der begabte Zeichner Jacob Belinfante genannt. Ein jeder Friedhof , ist ein ernstes Moniento mori. Weher aber als sonst auf dem „guten Ort" durchbebt die Seele des hier durch die langen Gräberreihen Wandernden das Lied vom Sterben, von der Vergänglichkeit aller Erdengrösse. Ist doch die ganze Geschichte dieser letzten Portugiesengemeinde auf deutschem Boden ein Lied vom Sterben. Wie lange noch — und die wenigen sterben in ihr ab, die noch ein Verständnis für die eminente geschichtliche Bedeutung ihrer Gemeinschaft haben. Wie lange noch — und in dem stimmungsvollen Bethause der Portugiesen verstummen die uralten, seltsam anmutenden Melodien, deren schwerblütige Akkorde wehmütige Träumereien und überernste Erinnerungen an die ruhmreichen Tage Israels auf der pyrenäischen Halbinsel auslösen.