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Ost und West · 1905-09-01 · Heft 9 (September 1905) · p. Seite 567 - 568

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 9 (September 1905)
Article
Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst
Date
1905-09-01
Page
Seite 567 - 568 (sequence 10)
Language
German
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567 Dr. G. Kutna: Die biblischen Gestalten in der bildenden Kunst. 568 PALMA VECCHIO. MUSEUM, BRAUNSCHWEIG. Adam und Eva. Michelangelo lässt seinen Adam in selbständigem Drange nach dem Baum greifen, auf dem ein gewaltiges Weib in stürmischem Eifer zur Sünde antreibt. Dadurch bleibt auch bei solcher Darstellung — und die Schlange mit Frauenkörper oder Frauenkopf ist eine allgemein verbreitete Darstellung — das Weib der verführende Faktor, wenn auch der Mann selbständig handelnd erscheint. Was aber Michelangelo und die hohe Kunst überhaupt darstellen will, ist nicht eine einzelne Historie mit ihrer spezifischen Form menschlicher Lebendigkeit, sondern das ganze menschliche Dasein mit allem Schimmer seiner körperlichen Schönheit und aller Tiefe seiner geistigen Bedeutung. Soviel Weite trägtjed er Körper Michelangelos, und so umfassend ist er in seinem organischen Bau, dass er eine Welt zu bergen scheint und die Bedeutung einer Welt. Begrenzt erscheint die Menschlichkeit und begrenzt ihr Sinn und ihre Schönheit, und in ihrer Begrenzung erweckt sie Gedanken ewiger Erhabenheit. Bei Dürer ist Gelegenheit gegeben zu verfolgen, wie der spezifische Ausdruck einer momentanen Begebenheit zurücktritt und sich zu einer Charakteristik vertieft, die den Menschen allgemeiner und doch wesenhafter erfasst. Auf der Zeichnung zu dem Stiche (1504) stehen Adam und Eva in lebhaftem Zwiegespräch einander gegenüber, sie drücken in klarer Bewegung ein Wechselspiel bestimmter Willensregungen aus, und ihr ganzes Dasein scheint mit dem Ausdruck dieser Regung begrenzt. Auf dem Stiche selbst dagegen ist die bestimmende Richtung des Willens ruhiger, die Bewegungsursachen sind neutraler, und das ganze Wesen ist stiller; darum ist mehr Raum gewonnen für einen grosszügigen Ernst des Charakters und für zeitliche Unabhängigkeit der Persönlichkeit. In solche Tiefen taucht auch Hugo van der Goes. Von tiefer, weiter Stille erscheint der Mensch auf seinem „Sündenfall" (Wien). Bis auf das letzte beseelt von lauschend sehnsüchtigem Menschentum, steht das Paar neben dem Baum. Alles schweigt, und rätselhaft zucken scheue Bewegungen; die mageren Gliedmassen vibrieren von Nerv und Empfindung. Eva hält einen Apfel und greift nach einem zweiten. Ein robbenartiges Tier mit hässlichem Frauenkopf blickt zu der greifenden Hand hinauf. Die Handlung ist schweigsam verborgen, und Bedeutung und Ernst liegt in dem blossen Dasein. (Schluss folgt.) VAMBERYS MEMOIREN. Von Dr. Adolph Kohut. Der berühmte Forschungsreisende Professor Dr. Hermann Vambery, ein ausgezeichneter Orientalist, Ethoograph und wissenschaftlicher Erschliesser Zentralasiens, der in dieser Zeitschrift den Aufsehen erregenden Artikel über Dr. Herzl und Sultan Abdul Hamid (Ost und West Heft 8, 1904) veröffentlichte, hat soeben in magyarischer Sprache seine Memoiren1) herausgegeben. In höchst geistvoller und anziehender Weise schildert er darin die einzelnen Etappen seiner rühm-, aber auch dornenvollen Lebensfahrt, die politischen und literarischen Ergebnisse seiner Forschungsreisen und entwirft ebenso plastische wie anziehende Bilder von vielen namhaften, führenden Persönlichkeiten, die früher und noch jetzt eine bedeutende Rolle in Europa und Asien gespielt haben. Den Leser dieser Zeitschrift werden besonders die vielfachen Bemerkungen und Ansichten des Gelehrten über das ungarische Judentum sonst und jetzt, das geistige Leben seiner Stammesgenossen in seiner J) „Küzdelmeim", Franklin-Tärsulat, Budapest. Nachdruck verboten. Jugendzeit, sowie die Brandmarkungen des Antisemitismus interessieren, und gewiss wird es daher angebracht sein, von dem Werke um so mehr Notiz zu nehmen, als diese Memoiren bisher in deutscher Sprache noch nicht erschienen sind. Wir erfahren zunächst aus dieser Autobiographie, die sich stellenweise wie ein spannender Roman liest, manches höchst Charakteristische aus der Jugendzeit des illustren Verfassers. Er weiss nicht genau, ob er 1831 oder 1832 geboren wurde. Als Kind jüdischer Eltern in einem ungarischen Marktflecken St. Georgen aut die Welt gekommen, waren die Juden des damaligen Ungarn nicht verpflichtet, Matrikel zu führen und er hörte nur von seiner Mutter, dass er kurz vor dem Tode seines Vaters geboren sei, und da sein Vater zu den letzten Opfern der 1832 zum ersten Male über Europa hereingebrochenen schrecklichen Cholera gehörte, so schlussfolgert Vambery, dass sein Geburtsjahr, wie gesagt, auf 31 oder 32 fällt. Seine Urahnen stammten aus der biederen Stadt Bamberg in Bayern, und als Kaiser Josef II. von Oesterreich seine jüdischen

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