Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1905)
- Article
- Praktische Lebensweisheit im jüdischen Sprichworte
- Date
- 1905-07-01
- Page
- Seite 507 - 508 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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507 B. Hirsch: Praktische Lebensweisheit im jüdischen Sprichworte. 508 "Was nützen einem Ehrenbezeugungen, wenn er nichts zum Kauen hat? Wer auf dem Wagen obenan sitzt, der fällt auch zuerst hinunter. Ein schöner Bart und schöne Peoth — aber wenig Deöth. „Peoih" (heb.) — Schläfenlöckchen, gleich dem Bart eine Zierde des Männeiantlitzes; „Deoth" — Verstand. Einsicht. Eine Treppe fegt man von oben herab, nicht von unten herauf. Ein „schöner Jüdu — auf dem Grabstein. „Schöner Jiid" angesehene, vornehme Persönlichkeit. Wer einen breiten Mund hat, der hat ein enges Herz. * * * So lang einer im Hof sitzt, ist er der Herr (bar); wirft man ihn aus dem Hof hinaus, ist er der Narr. .Nicht jeder, der obenan sitzt, ist auch ein Herr. Verlässt der Rabbiner die Schuhl, darf jeder sich setzen auf seinen Stuhl. „Schuhl" Synagoge. * * * Drei Menschen mag Gott nicht leiden: einen Reichen, der stiehlt, einen Armen, der hochmütig ist, und einen Greis, der Schürzen nachläuft. Zu viel Anwah ist halbe Gaawah. „Anwah" (heb.) Demut, Bescheidenheit; „Gaawah" Hochmut, Stolz. Die Krähe fliegt hoch, schliesslich lässt sie sich auf ein Schwein nieder. So lange der alte König lebt, hat der junge (der Sohn) nichts zu befehlen. * * * Reckt einer zu hoch den Kopf, bekommt er einen Klopf. „Klopf-' Hieb, Schlag. Ein reiner Vogel lässt sich aui ein Schwein nicht nieder. „Reiner Vogel" entspricht dem heb. „Of tahor". Betrachtet der Pfau sein Gefieder, lacht er, betrachtet er seine Beine, weint er. Zieht man einen Stecken schön an, hat er auch Chen. „Chen" (heb.) Anmut, Lieblichkeit. Der Hund bellt — und der Herr fährt seinen Weg. Will man wissen, was man gilt, lasse man sich Schidduchim vorschlagen. „Schidduch" (heb.) Partie. * * * Glücklich ist, wer seine Welt (sein Leben) in Ehren vollendet. EIN ERLEBNIS. Novelle von 3VL S Reb Chajim-Chajkel war ein angesehener Bürger in Zizelnik. Hier war er geboren, hier hatte er Kindheit und Jugend verbracht. Nun war er Ehemann, Vater von drei Kindern und Besitzer von zwei Ziegen, die jedes Jahr um Passah herum Junge warfen, zu derselben Zeit also, da seine Frau Gele-Jente zu gebären pflegte. Für den Lebensunterhalt Ghajim-Chajkels, seiner Frau, Kinder und Ziegen, reichten die Einkünfte von ihrem kleinen Kramladen aus, in dem alles zu haben war, Flederwische und Waschschüsseln und Kreide, Tee, Zucker, Petroleum. Grünzeug, Töpfe und Gläser und allerlei sonstige Waren, zusammen im Betrage von hundert, vielleicht sogar hundertundfünfzig Rubeln, pektor, Warschau. Nachdruck verboten. für die Chajim-Chajkel dem Stadtwucherer von Zizelnik allwöchentlich den Zins entrichtete. So lebte Chajim-Chajkel mit seiner Familie in ungetrübter Ruhe und Zufriedenheit all die Tage. Eines schönen Morgens, als er vom Frühgottesdienst aus der „Klaus" heim kam, brachte er seiner Frau die frohe Nachricht, dass sein reicher Onkel aus Odessa auf der Durchreise ihr Städtchen passieren werde. Man fing an, mit freudiger Erwartung der Ankunft des teuren Gastes entgegenzuharren. „Der reiche Onkel! . . . Eine Kleinigkeit!" „Wird er uns wirklich besuchenV fragte Gele-Jente ungläubig. -Nicht nur besuchen wird er uns, sondern er wird