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Ost und West · 1905-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1905) · p. Seite 501 - 502

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1905)
Article
J. H. Weiss
Date
1905-07-01
Page
Seite 501 - 502 (sequence 2)
Language
German
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Dr. J. Elbogen: J. H. Weiss. 502 Talmud oder gewahrt er, dass nach dem. richtigen Text des vorliegenden Werkes viele Fragen und Diskussionen des Talmud gegenstandslos werden, so kann ich nur erklären, dass es Erscheinungen gibt, die, so sehr wir auch wünschen mögen, sie anders zu sehen, doch nun einmal in bestimmter Form sich zugetragen haben. Von solchen Gegenständen gilt ein Wort Maimuni's: „Der Mensch darf Erkenntnisse, für die sichere Beweise vorliegen, nicht beiseite liegen lassen und seine Hände davon abschütteln." Er belegt dann durch Citate, wie stets im jüdischen Schrifttum eine solche Kritik geübt wurde, und begründet darauf auch sein Recht hierzu, da ihm nichts anderes am Herzen liege, als gründliche, ehrliche Erforschung der Quellen. Dieser Grundgedanke, dass es im religiösen und im geistigen Leben des Judentums eine En twickelung gegeben hat, dass die Institutionen und die Literatur des jüdischen Volkes im Verlaufe der Geschichte verschiedene Gestalten zeigen, dass nicht immer die Anschauungen in ein und derselben Richtung sich bewegt haben, dieser Gedanke beherrscht das umfassendste und wichtigste Werk, dass J. H. Weiss uns hinterlassen, und wodurch er seinen Namen unsterblich gemacht hat. Von 1871 an Hess er unter dem Titel „ Dor dor we - dorschaw, Zur Geschichte der jüdischen Tradition" eine Literaturgeschichte erscheinen, die. nach einer kurzen Uebersicht über die älteste Zeit, vom babylonischen Exil ab bis zur Vertreibung der Juden aus Spanien, das jüdische Geistesleben ausführlich darstellt. In fünf Bänden wird ein lebendiges, anschauliches Bild von den Wechselfällen der jüdischen Tradition gegeben, die Charaktere, die Meinungsverschiedenheiten ihrer Vertreter werden meisterhaft gezeichnet, die Schicksale ihrer Schriftwerke, die Stellung der Nachwelt zur Vorzeit deutlich gemacht. Wir werden vom Verfasser in die Geisteswerkstatt der Vergangenheit eingeführt, wir folgen der Gedankenarbeit seiner Helden, wir lernen ihre Quellen und Ziele verstehen, wir beobachten ihre Kämpfe und Leidenschaften, wir sehen ihren Ausgangspunkt, wir verfolgen ihre Tendenz. Das Werk von Weiss ist sehr oft mit dem von Graetz verglichen worden; es bildet in gewisser Beziehung eine Ergänzung dazu, es behandelt ein Gebiet, das bei Graetz der ganzen Anlage „seiner Geschichte" nach mehr zurücktrat. Gemeinsam ist beiden die meisterhafte, anziehende Darstellung; auch Weiss versteht es vortrefflich, seinen überreichen Stoff so zu gestallen, dass er den Leser mit sich fortreisst. Weiss' Werk ist in hebräischer Sprache geschrieben und darum im Westen Europas weniger bekannt geworden. Im Osten aber, da, wo die hebräische Sprache noch heimisch ist, hat das Buch mächtig gewirkt, hat es für Tausende das Erwachen aus den Träumen des Bet-ha- Midrasch, die Heilung von der Krankheit des Pilpul gebracht. Dort hat das Werk auch verwandte Seelen angetroffen, die die Stimmung nachlebten, aus der heraus es geschrieben ist. Denn unleugbar ist der Weiss'schen Darstellung der Sturm und Drang anzumerken, die der Verfasser durchlebt, der Kampf zwischen Talmudismus und Kritizismus, zwischen Pilpul und Wissenschaft, er tobt noch in dem Werke und kommt mitunter in titanenhafter Leidenschaftlichkeit zum Ausdruck. Die wissenschaftliche Objektivität hat an solchen Stellen hinter der impulsiven Persönlichkeit zurücktreten müssen, und oft genug ist gegen Weiss der Vorwurf tendenziöser Darstellung und mangelnder Akribie erhoben worden. Vielfach ist dieser Vorwurf berechtigt, es lässt sich einzelnes angreifen, einzelnes berichtigen, manches ist dem Stürmer und Dränger, manches dem Autodidakten zuzuschreiben. Aber man übersehe über solchen Ausstellungen im Kleinen nicht den grossen Wurf, den gewaltigen Aufbau und die solide Konstruktion. Ein grosser Historiker kann seine Persönlichkeit nicht völlig zurückdrängen, er wird der grosszügigen Auffassung und Gesamtdarstellung zuliebe häufig in Kleinigkeiten fehlen. Gleichzeitig mit der Abfassung seines Lebenswerkes hat Weiss mit seinem Kollegen Friedmann zusammen eine Monatsschrift Beth-Talmud in hebräischer Sprache herausgegeben, in der er selbst quellenkritische und literarhistorische Abhandlungen grossen Stils schrieb. Was er sonst noch geleistet, was er in seinem Lebensberuf als Lektor am Wiener Bet-ha-Midrasch während eines Zeitraumes von mehr als 50 Jahren gewirkt, das mögen die vielen Hunderte erzählen, die dort seine Schüler waren, und die heute als Gelehrte oder als Rabbiner z. T. recht angesehene Stellungen bekleiden. Einundneunzig Jahre ist J. H. Weiss alt geworden. Sein langes Leben war reich ausgefüllt mit Mühe und Arbeit, übervoll an Leiden und Entbehrungen. Das Leben der Qual und der Entsagung, das die Tradition dem Talmid Chacham als Gewohnheitsrecht zuschreibt, hat er noch als Mann von Weltruf zu ertragen gehabt. Welcher Idealismus, welche Begeisterung spricht sich in dieser hingebungsvollen Arbeit, in diesem entsagungsreichem Leben aus! Mit dem gleichen Feuereifer hat er für Zeitfragen gekämpft, rücksichtslos seine Ansicht vertreten und der Feinde nicht geachtet, die ihm auf allen Seiten erstanden. Nun ist der Löwe tot, wir wollen um seine Leiche nicht streiten und nicht weinen, aber wir wollen seinen Feuergeist in uns lebendig erhalten und sein Andenken segnen.

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