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Ost und West · 1905-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1905) · p. Seite 499 - 500

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1905)
Article
J. H. Weiss
Date
1905-07-01
Page
Seite 499 - 500 (sequence 1)
Language
German
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49M 500 J. H. WEISS. Von Dr. J. Elbogen in Berlin. Ein kui'zes Wort der Würdigung und des Nachrufs. Nachdruck verboten. Er war einer der letzten Ueberlebenden aus der grossen Zeit der Begründung der jüdischen Wissenschaft, einer der letzten von den Geisteshelden, die nicht nur das Zeitalter der Aufklärungunter den Juden erlebt, sondern selbst die Aufklärung geschaffen hatten, einer der letzten aus den Reihen jener Stürmer und Dränger, die des geistigen Ghettos enge Mauern sprengten; die die Literatur und Geistesarbeit der jüdischen Vergangenheit mit dem Wissen der Welt, mit der Geschichte und Kultur der Völker in Berührung brachten. Als J. H. Weiss 1814 geboren wurde, da war es noch recht dunkel in der Judengasse seiner mährischen Heimat, in seine Jugendjahre fiel kaum ein Strahl von dem Lichte, das damals doch hier und da schon zu dämmern begann: seine Ausbildung geschah ganz nach alter Weise und nach den Traditionen seiner Familie, er wurde mit dem Talmud vertraut gemacht und mit der halachischen Literatur, das rabbinische Schrifttum (im engsten Sinne des Wortes) wurde ihm als einziger Gegenstand des Studiums, der Pilpul als ausschliessliche geistige Tätigkeit gelehrt. Da kamen in den Jahren, in denen der Jüngling zum Manne wurde, in denen der Talmudjünger seine geistige Reife vollendete, die neuen gewaltigen Aufklärungen: Rapoport, Zunz und Luzzatto verkündeten der auimerksam gespannten Welt die Namen der Meister und der Literaturwerke, die im jüdischen Ghetto vergessen worden waren, von deren Wirksamkeit die lange Leidenszeit jede Spur und jede Erinnerung getilgt hatte. Die jüdische Vergangenheit wurde mit einem Male belebt, die Tradition floss plötzlich reicher, die Literatur wuchs ins Ungeahnte. Und nicht mehr lag alles auf einer Fläche ohne Flöhen und Tiefen, es waren verschiedene Epochen geistigen Schaffens, verschiedene Methoden literarischer Produktion zu unterscheiden, die Zeiten waren gegeneinander abgegrenzt, eine jede zeigte ihren besonderen Inhalt, ihr eigenes Gepräge, aus der alten jüdischen Annalistik und Chronographie entstand die jüdische Geschichte. Durch N. Krochmal angeregt und gepflegt, wurde die Richtung dieser Geschichte eine kritische; die Ueberlieferungen wurden nicht mehr schlechtweg hingenommen, weil sie der Vergangenheit entstammten und an die Namen von verehrten Autoritäten geknüpft waren, Widersprüche wurden nicht mehr auf bestmögliche Wreise ausgeglichen und harmonisiert, für Edelmetall ward nichts mehr erachtet, was nicht sorgfältig geprüft, was nicht im Schmelztiegel der Forschung geläutert und von den ihm etwa anhaftenden Schlacken befreit war. Mit einem Schlage ward die ganze Richtung des Studiums, war die Methode der Forschung in den Kreisen der jüdischen Jugend umgewandelt; die Zeit blieb nicht mehr mit scharfsinnigen Diskussionen, mit nutzlosem Pilpul ausgefüllt, völlig neue Wege waren erschlossen, die weiten Gebiete der nichthalachischen Literatur luden zur Bearbeitung ein, die Halacha selbst stellte sich in neuem Lichte dar, nicht mehr ihre letzten Ausläufer konnten als das wichtigste Forschungsgebiet erscheinen, sondern umgekehrt galt es jetzt auf ihren Ursprung zurückzugehen, ihre Quellen aufzusuchen. Der Mangel an geschichtlicher Betrachtungsweise, an philologischer Akribie bildeten denbedeutendsten Missstand der alten jüdischen Gelehrsamkeit, die neue jüdische Wissenschaftmusste diese Schäden verbessern. In diese Zeit der Neubelebung der jüdischen Literatur fielen J. H. Weiss1 beste Jahre. Er hat, wie es von einem Manne seiner Begabung nicht anders zu erwarten war, die neuen Gedanken in sich aufgenommen und aufs beste verarbeitet. Er wusste wohl, was eine Wissenschaft von blossem Wissen unterscheidet; er eignete sich zu den umfangreichen Kenntnissen, die er besass, jene systematische Abrundung an, die die Wissenschaft fordert, er ergänzte seine einseitige talmudische Gelehrsamkeit durch die allgemeine Bildung, der die Wissenschaft nicht entraten kann. So wurde J. H. Weiss aus einem umfassenden Talmudisten ein bedeutender Gelehrter, dessen Lebensarbeit sich den Werken der grossen Meister des vergangenen Jahrhunders würdig anschliesst. Gleich die erste grosse Arbeit nach seiner Niederlassung in Wien, die Durchsicht der neuen Talmudausgabe, zeigte, dass er Gelehrsamkeit mit Kritik harmonisch vereinigte. Dann wandte er sich den Quellenschriften der Halacha zu, er bearbeitete die wichtigen halachischen Midraschim Sifra (1862) und Mechilta (1865). Die Richtung seiner Arbeit und seine Auffassung von der Entwicklung der jüdischen Literatur hat er in der Einleitung zur Mechilta klar ausgesprochen: „Findet derLeser in meinem Kommentar Widersprüche gegenüber Entscheidungen des Weiss Mai 1905.

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