Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1905)
- Article
- Die jüdische Auswanderung
- Date
- 1905-07-01
- Page
- Seite 491 - 492 (sequence 3)
- Language
- German
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491 Dr. jur. Bernhard Kahn: Die jüdische Auswanderung. V. Ein Zentral-Burcau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten. 492 Ziehen wir noch zum Vergleich Belgien, die Schweiz und Oesterreich heran, dann ergibt sich folgendes Bild: Land Durchschnittliche Bevölkerungsziffer*) Jährliche 1 Durch- Es entfällt also sch itts- Auswanderun^ Auswanderer auf Per- Deutschland 56 000000 27 500 1 2040 (für die Jahre 1899/1904) Belgien 7 000000 22 700 1 30S (für die Jahre 1898/1902) Schweiz 3 300000 4 100 1 805 (für die Jahre 1899/1903) Oesterreich-Ungarn 47 000 000 150 000 1 313 (für die Jahre 1899/1903) Jaden 8 000 000 77 700 1 103 (für die Jahre 1899/1904) Angesichts dieser Zahlen muss man wohl sagen, dass die Juden mit einem erschreckend hohen Prozentsatz unter den auswandernden Völkern vertreten sind. Wenn es schon für die angeführten Staaten ein dringendes Bedürfnis war, durch Auswanderungsämter für die Auswanderer zu sorgen, obschon diesen staatliche und konsularische Hülfe überall und jederzeit zur Verfügung steht, um wieviel nötiger ist da eine derartige Fürsorge für die schutzlosen, jüdischen Auswanderer. Dazu tritt noch der Umstand, dass, abgesehen von den Ausnahmeverhältnissen des russisch-japanischen Krieges die jüdische Auswanderung wächst, während die der zum Vergleich herangezogenen Staaten zurückgeht. Und doch hat z. B. Deutschland, obwohl seine Auswanderung abnimmt (1891 120000,1904 28000 Auswanderer) erst vor drei Jahren mit einem jährlichen Kostenaufwand von 30 000 M. eine Auskunftstelle errichtet. Der Notwendigkeit, dass eine ähnliche Einrichtung für die jüdische Auswanderung geschaffen werden muss, kann man sich nicht länger verschliessen. Darum *) Als solche ist bei de;i einzelnen Ländern die abgerundete von 1900 angenommen worden. haben in einer Konferenz, die im Dezember 1904 in Frankfürt a. M. stattfand, die grossen jüdischen Organisationen beschlossen, ein „Zentralbureau iür jüdische Aus Wanderungsangelegenheiten" mit dem Sitze in Berlin zu errichten. Dieses Bureau hat seine Tätigkeit am 1. Januar d. J. begonnen und hat sich bereits durch die ersten schwierigen Anfänge hindurch gearbeitet. Ob es imstande sein wird, seine Aufgabe richtig zu erfüllen, das hängt im hohen Grade davon ab, welche Unterstützung es von dem jüdischen Publikum und von den einzelnen jüdischen Organisationen erhalten wird. Die Bedeutung des Bureaus ist in weiten jüdischen Kreisen noch sehr'wenig gewürdigt; vielfach betrachtet man es als diejenige Stelle, auf die man die kleinen lokalen Unbequemlichkeiten und Scherereien, welche das Auftauchen von Auswanderern verursacht, abwälzen kann, oder die nur für eine schnelle und billige Beförderung der Auswanderer zu sorgen hat. An die anderen grossen Aufgaben denkt _____man wenig. Es können hier nicht die Aufgaben des Bureaus in ihrem ganzen Umfange einzeln aufgezählt werden; eine kurze Andeutung wird genügend zeigen, nach welcher Richtung hin es seine Tätigkeit zu entfalten hat, und wie gross seine Verantwortung ist. Durch Belehrung der jüdischen Bevölkerung in denAus Wanderungsländern muss es vor allem prophylaktisch wirken, damit unbesonnenes und planloses Auswandern verhindert wird. Der Auswanderer, der seine Reise antreten will oder bereits unterwegs ist, muss dann über die besten und billigsten Reisewege informiert, und es muss ihm aut dem ganzen Wege ein umfassender Rechtsschutz gesichert werden. Schliesslich ist dafür zu sorgen, dass ungeeignete Ziele nicht aufgesucht werden, dass die richtige Kraft nach dem richtigen Ort geleitet wird. Daraus werden sich vielleicht im Laufe der Zeit bestimmte Prinzipien ergeben, nach denen die Bewegung der Auswanderer zu leiten sein wird. Unzweifelhaft wird die Tätigkeit des Bureaus, wenn sie richtig verslanden und ausgeübt wird, dazu beitragen, den jüdischen Emigranten in der Achtung der Einwanderungsländer zu heben, und das wird zurückwirken und eine vermehrte Achtung des ganzen jüdischen Volkes zur Folge haben. Jüdische Auswanderertypen. (Spezialaufnahme für „Ost und West" von Zander & Labisch, Berlin.)