Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1905-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1905) · p. Seite 441 - 442

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1905)
Article
Julius Oppert
Date
1905-07-01
Page
Seite 441 - 442 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583931-2583939-2592471--05345-2592516
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4+1 Dr. L. Elias: Julius Oppert. 442 dieses uralte heidnische Semitenvolk eine weite Strecke zurückgelegt und war zu merkwürdigen Resultaten gelangt. Auf dem Gebiete der Plastik und der Baukunst, für die man den Semiten ja so gerne den Sinn absprechen möchte, haben sie Leistungen aufzuweisen, die Staunen und Bewunderung erregen. Waren die Babylonier ja selber bereits glückliche Erben älterer Kulturvölker, und was sie ererbten von ihren Vorgängern, das erwarben sie von neuem, um es zu besitzen, und sie mehrten das geistige Gut mit Genialität und Fleiss. Und der Untergang der bab3donischen Kultur fällt gerade in das Zeitalter, wo Griechenland zum Leben erwacht. Als die Hellenen ihren grandiosen Aufstieg begannen, war Babels Stern erloschen. Unsere Anschauung vom Gang der Kulturgeschichte erleidet also eine gründliche Umwälzung. Was urgraues Altertum war, rückt jetzt herab und muss sich mit der Rolle des Mittelalters bescheiden, und aus den Abgründen einer nie geahnten Vergangenheit taucht ein neues Altertum auf. Es war der Mühe der Edelsten wert, um diese Erkenntnis zu ringen. Aber beinahe noch ein halbes Jahrhundert, nachdem es Grotefends bewundernswertem Spürsinn gelungen war, den Schlüssel zur Entzifferung des Keilschriftsystems zu finden, tastete man im Dunkeln herum und hatte kaum erst den semitischen Charakter der babylonisch-assyrischen Sprache erkannt. Drei Männer sind es vor allem, denen man den Ruhm zuerkennen muss, die Bruchstücke von assyrioiogischen Ahnungen und Vermutungen zu einer Wissenschaft ausgebaut zu haben: Rawlinson, Hincks und Oppert. Oppert besitzt jedoch in hohem Masse beide Arten von Verdiensten, durch die sich jeder der oeiden Vorgenannten auszeichnet. Wenn es Julius Oppert. Rawlinson, dem „Vater der Assyriologie", gegönnt war, in der ersten Epoche dieser Wissenschaft die meisten und wichtigsten Monumente aus den Tiefen des Bodens ans Tageslicht zu fördern und das Werk der Entzifferung vorwärts zu schieben, wenn Hincks, der scharfsinnige irische Geistliche, sich unsterbliche Verdienste um die Erkenntnis der assyrischen Grammatik erworben hat, so darf Oppert den Ruhm beanspruchen, sowohl durch grossartige Funde bei seinen Ausgrabungen das Material der Studien ausserordentlich bereichert zuhaben, aber zugleich auch das noch grössere Verdienst, durch seine scharfsinnigen, genialen und tiefeindringenden Forschungen „der eigentliche Schöpfer der Assyriologie als philologischer Disziplin" geworden zu sein. Einem Juden ist es nur selten gegeben, den richtigen, ihm gebührenden Platz einzunehmen, auf welchem er alle seine Kräfte im Dienste der Wissenschaft nutzbar machen kann. Jetzt noch, wo eine grosse deutsche Gesellschaft, mit Geldmitteln , die vorwiegend aus jüdischen Quellen stammen, auf dem Boden des alten Babyloniens Ausgrabungen veranstaltet, werden jüdische Forscher prinzipiell von der Arbeit ferngehalten und weder zur Teilnahme an Expeditionen noch zur Untersuchung der Resultate an Ort und Stelle zugelassen. Man macht sich sogar ein billiges Spässchen daraus, anstatt in stiller Arbeit das langsame Reifen der objektiven Erkenntnis zu fördern, lieber voreilig mit grossem Strassenlärm vermeintliche Entdeckungen in die Welt hinauszuposaunen, wenn man nur irgendwie hoffen kann, dadurch den ,,Nimbus des auserwählten Volkes" zu schädigen. Auch Oppert gelangte nur dank dem glücklichen Umstand, dass er in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.