Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1905)
- Article
- Praktische Lebensweisheit im jüdischen Sprichworte
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 429 - 430 (sequence 5)
- Language
- German
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429 B. Hirsch: Praktische Lebensweisheit im jüdischen Sprichworte. 430 Wer ist ein Held? Wer ein „Gleich-Wörtel" zurück- Nichts ist gleicher, als eine schiefe Leiter, und zuhalten vermag. nichts ist schiefer als ein gleiches Wörtel. Gleich-Wörtel guter Einfall, treffender Witz, auch Gleich — treffend, wahr, richtig. Sprichwort. — Scherzhaft nachgebildet dem bekannten % % Spruch Aboth IV, 1. * * # Mit Kleingeld ist man nicht reich, und mit Sprich- * Wörtern ist man nicht klug. VOM BUCHERTISCH. Dr. Leo Bäck: Das Wesen des Judentums. Berlin 1905. Verlag von Nathansen und Lamm. Wir haben eine der bedeutsamsten Erscheinungen der jüdisch-wissenschaftlichen Literatur vor uns. Doch gehört das Buch nicht allein dem Gelehrten — es gehört den weitesten Kreisen der Gebildeten, insofern sie Denkende und Suchende sind. Man möchte von Herzen wünschen, dass es sich bald auf dem Büchertisch jeder jüdischen Familie befinde, dass die Eltern es ihren zum freien Nachdenken und zum Fragen reif gewordenen Söhnen und Töchtern in die Hand geben. Der Mann, der hier vor uns den sittlichen und den Erkenntnisgehalt des Judentums entwickelt, ist ein ganzer Mann, er hat hier die Lehre und die Lehren des Judentums in ihrer Totalität in sich aufgenommen, ihi Wesen und ihre Entwickelung aufs tiefste begriffen, mit dem ganzen Rüstzeug eines auf der Höhe moderner Bildung stehenden, von modernem Fühlen durchdrungenen Menschen gedanklich und seelisch erfasst und zu einem einheitlichen, geschlossenen System ausgebaut. Und er ist — was bei uns leider nur zu sehr unterschätzt wird — ein Schriftsteller von hohem Range. Es ist eine vornehme Schlichtheit und eine ruhige, imponierende Kraft in seinem Ausdruck, der sich mit der Gediegenheit und Wuchtigkeit des Inhaltes zu einer edlen Harmonie vereint. Es ist unmöglich, im Rahmen eines kurzen Berichtes den Ideenreichtum des Buches auch nur andeutungsweise zu skizzieren. Es sei wenigstens auf die glänzende Psychologie der Religion hingewiesen, die den eigentlichen Inhalt, sozusagen die latente Grundlage des ersten Teils, „Der Chai-akter des Judentums", ausmacht. Die Ursprfinglichkeit und die Einheitlichkeit in den Wandlungen der Entwickelung der jüdischen Lehre werden im ersten Kapitel dargelegt. Die Propheten als Entdecker der religiösen Werte, und das Verhältnis der Religion Israels zu ihrer Trägerin der Glaubensgemeinde, der Begriff der Offenbarung, der Kern und die Tendenz des Judentums als Wellreligion werden analysiert. Der zweite Teil, „Die Ideen des Judentums", klärt den innigen Zusammenhang zwischen dem Glauben an Gott und dem Glauben an den Menschen, welch letzterer vom Glauben an uns ausgehend, den Nebenmenschen entdeckt und sich zum Glauben an die Menschheit erweitert. Hier werden die drei Paradoxe des religiösen Denkens, der Optimismus der jüdischen Religion als der „Religion des Lebens", das Wesen der Gerechtigkeit und der Liebe analysiert. Die sittliche, volkspädagogische und historische Bedeutung des Ritualgesetzes wird im dritten Teil, „Die Erhaltung des Judentums", dargetan. So nebenher läuft eine Fülle von originellen und erlesenen Gedanken über philosophische und religiöse Grundfragen: wie über den Begriff der Auserwähltheit Israels, des Gottesreiches, über das Verhältnis zwischen Glauben und Erkenntnis, über Persönlichkeit und Volkstum, über das Wesen der christlichen und der buddhistischen Frömmigkeit und über vieles, vieles andere. Die meisten Fragen, die einen modernen Menschen bewegen und beunruhigen, werden berührt. Es ist natürlich, dass bei einem so originellen und selbständigen Kopf sich schroffe Gedankengänge finden, auf die ihm der Leser nicht folgen wird; auch werden sich manche seiner Auffassungen mit Erfolg bestreiten lassen, so unter anderem seine Ansicht von der Kabbala. Durchaus irrig ist z. B. seine Behauptung, die an. Feiertagen abgehaltenen Konventikel der Chassidim beim Rabbi — die er „Feiertagsklöster" nennt — entsprängen dem Bedürfnis nach Abgeschiedenheit. Gerade das Gegenteil ist wahr; sie entspringen dem Bedürfnis nach Geselligkeit, nach gemeinsamem, seelischem Genuss der Freude und der Erhebung. Dem Bedürfnis nach Abgeschiedenheit und seelischem Alleinsein hat der Chassidismus auf andere Weise Befriedigung zu verschaffen gesucht. Natürlich vermindern diese Kleinigkeiten den Wert des Buches nicht im geringsten. Ich nahm es nicht ohne ein gewisses Misstiauen zur Hand, wurde aber davon so sehr gepackt, dass ich es nicht eher schloss, als bis ich zu Ende war — um es sofort von neuem zu beginnen. Aehnlich dürfte es wohl jedem Leser ergehen. Es gibt Sätze in dem Buch, die sich für immer ins Gedächtnis prägen. — Zum Schlüsse sei noch mit Bedauern hervorgehoben, dass die Ausstattung des Buches auch nicht den bescheidensten Anforderungen des guten Geschmacks entspricht. Hoffentlich sorgt der Verfasser dafür, dass die zweite Auflage in einem würdigeren Gewände auftrete. * * * Gustav Karpeles: Literarisches Wanderbuch. Neue Folge: Slawische Wanderungen. Zweite Auflage. Berlin, Allgemeiner Verein für Deutsche Literatur. 1905. Das Buch führt uns durch Südrussland, Polen und Böhmen. Letzterem Lande sind nur drei Aufsätze gewidmet den Löwenanteil haben die beiden erstgenannten Länder. Der Gelehrte von umfassendem Wissen und der elegante Kauseur, der Literaturhistoriker und der feine, kluge Beobachter und Vorsteher des aktuellen Volkslebens in allen seinen Aeusserungen, der Archäologe und der Naturfreund haben sich vereint, um uns in Bildern von plastischer Anschaulichkeit und lebhaftester Farbenpracht das eigenartige Leben, die historischen Erinnerungen und die literarischen Bestrebungen der beiden grossen slawischen Nationen zu schildern. Wir lernen das merkwürdige Nischni-Nowgorod