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Ost und West · 1905-06-01 · Heft 6 (Juni 1905) · p. Seite 409 - 410

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 6 (Juni 1905)
Article
Baron Alphonse de Rothschild
Date
1905-06-01
Page
Seite 409 - 410 (sequence 3)
Language
German
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409 Arsene Cahen: Baron Alplionse de Rothschild. 410 Sohn, dessen bin ich sicher, hochzuhalten nicht unterlassen. In unseren verworrenen Zeiten ist es mehr denn je eine Pflicht, dem Glauben der Väter treu zu bleiben. Das religiöse Empfinden wurzelt tief im Menschenherzen, und indem es den Sinn zum Schöpfer aller Dinge erhebt, stellt es ein Band her zwischen allen Menschen, welchem Bekenntnisse sie auch angehören mögen .... Es bleibt mir nur der Wunsch übrig, dass es mir noch gegönnt sei, teilzunehmen an der Arbeit im Interesse der jüdischen Gemeinde, und an dem, was zu vollbringen ist, mitzuwirken." Aus diesen Worten tönt, wenn auch ganz leise, ein Protest heraus gegen die Haltung der anderen Mitglieder der Hochfinanz dem Judentum gegenüber. Baron Alphonse war bekannt als eifriger und vielseitiger Sportsman. Doch pflegte er ausser dem Jagd-, Renn-, Automobil- und Seesport auch den edleren eines Kunstsammlers, und von den meisten anderen Sammlern unterschied er sich dadurch, dass er seine Kunstschätze nicht nur besass, ^ondern auch verstand. Er war einer der eifrigsten Käufer auf allen Aus- I.ROUCHOMOVSKI. PARIS. Skelett. Stellungen und beschenkte reichlich die öffentlichen Museen der Hauptstadt und der Provinz. Dem Sitz in der Academie des beaux - arts, den er seit 1866 nach Emile Perrin innehatte, machte er durch seinen Geschmack alle Ehre. Geschmackvoll und vornehm war auch sein letzter Weg, den er nicht von seinem prunkvollen Palais, sondern von dem viel bescheideneren Elternhause antrat, wo seine Wiege gestanden, durch dasselbe Tor, durch welches sein Vater und seine Mutter hinausgetragen wurden. Keine Kränze und keine Blumen hatte er gewünscht. Und an seinem Grabe erklang nur das Kaddischgebet, von seinem Sohne gesprochen. Im Sterbegemach wurde alle sieben Trauertage hindurch morgens und abends Minjan veranstaltet. Mit seiner schlanken, frischen, vornehmen und schlichten Gestalt verschwand von der Arena eine Erscheinung, die zu der Grösse des irdischen Besitzes einen Schimmer rein menschlicher Grösse zu gesellen verstanden hatte. GREIS UND KIND. Von Michael Wurmbrand. Reb joine Halitscher — im Städtchen war er als „der Halitscher Melamed" eine sehr bekannte Persönlichkeit — stand eben von seinem Mittagsschlaf auf, welcher wie gewöhnlich zwei Stunden gedauert hatte. Er spürte eine Zerschlagenheit in seinen Gliedern. Er hatte einen gestörten Schlaf gehabt. Seine Schüler waren heute früher als sonst nach ihrer Mittagspause zurückgekehrt und vertrieben sich nun die freie Zeit mit geräuschvollen Spielen draussen vor den Fenstern des Cheders. Reb Joine sass noch schlaftrunken am Bettrand, das Haupt matt auf die Brust gesenkt, die Hände auf den Knien, und sein Atem ging schwer und röchelnd. Sein grosser Kopf mit dem roten, aufgedunsenen Gesicht und dem wallenden grauen Bart bildete einen scharfen Kontrast zu seinem winzigen, vertrockneten Greisenkörper, und einen noch schärferen Kontrast bildeten zu seinen gutmütigen, weichen Zügen — die grossen, hervortretenden Augen mit den unsteten, weltfremden Blicken, welche den Eiferer verrieten. Reb Joine schüttelte bedauernd das Haupt, und auf seinem Antlitz malte sich eine Wolke intensiven Aergeis und Abscheus. Das ausgelassene, heitere Geschrei heller Knabenstimmen, welches jetzt die Luft draussen erfüllte, verursachte ihm einen fast physischen Schmerz. Er schämte sich für seine Schüler. Nach seiner Meinung sollten diese, als Gemarajungen, einen ruhigeren, ernster gearteten Sinn haben .... Reb Joine hätte es gern gesehen, wenn seine Schüler jetzt die freie Zeit dazu benutzten, sich über den Schiur1) dieser Woche gegenseitig auszusprechen; denn gerade dieser Abschnitt enthielt so manche brillante Einfälle, die namentlich für einen klugen, aufgeweckten Knabenverstand so vieles Ergötzliche und Anregende hatten .... Bei diesem Gedanken stieg der Aerger und der Abscheu in seinem Innern: er hatte die Ueberzeugung, dass kein einziger dieser verwilderten Lümmel gewürdigt sei, dieses reinen Genusses teilhaftig zu werden .... Reb Joine entschloss sich nun aufzustehen. Nachdem er sich angekleidet und gewaschen hatte, bewegte er sich mit schwachen, schleppenden Schritten die Wände entlang und entfernte die Kleiderfetzen von den Fenstern, welche ihn im Schlafe vor. dem Tageslichte geschützt hätten; dann nahm er lässig das Pfeifenrohr vom Nagel und pochte damit an die Scheiben. Das ausgelassene Geschrei und das Getümmel draussen war in wenigen Sekunden verstummt. rDer Rebbe, der Rebbe!" flüsterte man überrascht durcheinander. Die Tür ging hastig auf, und eine Schar zehn- bis zwölfjähriger Jungen strömte in das Cheder und gruppierte sich um den grossen, mit Büchern beladenen Tisch. J) Gemaraabschnitt.

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