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Ost und West · 1905-06-01 · Heft 6 (Juni 1905) · p. Seite 407 - 408

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 6 (Juni 1905)
Article
Baron Alphonse de Rothschild
Date
1905-06-01
Page
Seite 407 - 408 (sequence 2)
Language
German
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407 Arsene Cahen: Baron Alphonse de Rothschild. 408 Finanzfragen anzueignen, wie sie nur sehr wenigen ermöglicht ist. Auf ein solches Piedestal gestellt, konnte er sehr bald jene Höhe an Finanzmacht erreichen, die ihn zum Bankier der meisten europäischen Staaten machte. Das Haus Rothschild hat von Anbeginn seines Aufschwunges die Pflichten des Reichtums in ihrer vollen Ausdehnung anerkannt und ausgeübt. Baron Alphonse leistete seinem Vaterlande, in dem er sich erst im Alter von 21 Jahren naturalisiert hatte, grosse und unvergessliche Dienste, namentlich nach dem unglücklichen Kriege, als es galt, die bittere Suppe auszulöffeln, die eine leichtfertige Abenteurerpolitik eingebrockt hatte. Sein Haus übernahm die Indemnität von 200 Millionen Francs, die die deutsche Regierung von der Stadt Paris forderte, und für die die Sammlungen des Louvre verpfändet waren. Bald darauf stellte er sich an die Spitze der G nippe von Bankiers, welche, die Zahlung der Kriegsentschädigung von 5 Milliarden garantierte, unddieEntf ernung der deutschen Besatzungstruppen ermöglichte. Er und seine beiden Brüder Gustave und Edmond hafteten allein für 2750 Millionen. "Wer es in der Hand hatte, eine solche ungeheure Macht in Bewegung zu setzen, vor dem neigten sich die stolzesten Häupter Europas, und so hatte denn Alphonse de Rothschild wohl reichlich Gelegenheit, den „Königsstolz vor Milliardärthronen" — um das Wort eines deutschen Dichters zu variieren — kennen zu lernen, einen Stolz, der manchmal gar seltsam jämmerlich aussehen soll. Die verschwiegenen Gemächer seines berühmten Jagdschlosses zu Ferneres, wo die Mächtigsten dieser Erde mit ihm geschmaust, gezecht, nachdem sie zum Vergnügen unschuldige Tiere gemordet hatten, dürften Zeugen so mancher interessanten Szene gewesen sein . . . Wer es in der Hand hatte, eine solche Macht in Bewegung zu setzen, konnte wohl hartherzig ISRAEL ROUCHOMOVSKI. Miniatur-Sarkophag mit Skelett. und hochmütig werden. Baron Alphonse blieb sein Leben lang ein schlichter, gutherziger und frohmütig-zugänglicher Mensch. Seine Wohltätigkeit war grenzenlos und kannte auch keine Grenzen der Konfession. In einem besonderen Bureau waren zahlreiche Angestellte damit beschäftigt, die Ströme von Gold, welche aus der Rue Lafitte sich überallhin ergossen, wo es Not zu lindern gab, in die richtigen Bette zu leiten. Besonders bewährte sich der grossartige Wohltätigkeitssinn des Hauses zur Zeit der Belagerung von Paris. Weltbekannt sind die wohlfundierten gemeinnützigen Institutionen, die die Rothschilds geschaffen haben und unterhalten. Ihre jüngste Schöpfung dieser Art war die Stiftung von zehn Millionen Francs zur Erbauungbilliger Arbeiterwohnungen in Paris. Aber von der grossen Ausdehnung der Wohltätigkeit, die der Verblichene an der Spitze seines Hauses im geheimen übte, und die einer besonderen Administration unterstand, hatte die Welt kaum eine Ahnung. Seit dem, Tode seines Vaters bekleidete der Baron Alphonse auch die Würde eines Präsidenten des Israelitischen Zentralkonsistoriums, und als solchem unterstand ihm die Verwaltung sämtlicher Angelegenheiten des jüdischen Kultus, in dessen Dienst er nicht nur seine Mittel, sondern auch seine Fähigkeiten und seine Arbeitskraft stellte. Am 12. Februar 1. J. richtete er an das Konsistorium ein Schreiben als Dankesantwort auf die Glückwünsche anlässlich der Hochzeit seines einzigen Sohnes, in dem sich schöne Worte finden, die verdienen, der Nachwelt überliefert zu werden . . . „Die Anhänglichkeit, die unser Haus mit der grossen jüdischen Familie verknüpft, der wir durch und durch ergeben sind, ist traditionell. Sie kommt aus der Vergangenheit her, unsere Väter haben sie uns überliefert, und diese Familientradition wird auch mein

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