Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1905)
- Article
- Richard Wagner und Felix Mendelssohn-Bartholdy
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 395 - 396 (sequence 2)
- Language
- German
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395 Eduard Levy: Richard Wagner und Felix Mendelssohn-Barthold}'-. 396 Hälfte abgewandt hat von allem, was noch in der klassischen Periode deutscher Kunst als notwendiger Bestandteil jeder Kunst überhaupt galt, wie vielerlei Elemente in dieses Gebiet sich [hineingedrängt haben und heute als vollberechtigt, ja als integrierend angesehen werden, die eine frühere Zeit als für den hohen, ästhetisch - moralischen Zweck der Kunst nicht entsprechend betrachtet hat. Wiederum konnte man teils im jubelnden Wahne eines bedeutenden Fortschrittes der Menschheit auch in künstlerischen Dingen, teils, mit schmerzlicher Resignation über den Verlust alter geheiligter Gedanken- und Gefühlserrungenschaften früherer Epochen erkennen, dass die philosophischen und künstlerischen Strömungen der letzten fünf Dezennien, vor allem beeinfLusst durch neu gewonnene naturwissenschaftliche Erkenntnisse, in der Tat eine vollkommene Umschmelzung aller bisherigen Werte bedeuten. Unter dieser totalen Veränderung alles Glaubens, Denkens und Fühlens, die zuerst aus der unklaren Dämmerung der Allgemeinheit heraus, durch besonders kraftvolle Individualitäten mit Prägnanz ausgesprochen und mit Vehemenz gefordert, allmählich auch die breiteren Kreise der nicht tiefer Forschenden ergriffen hat, mussten naturgemäss zunächst diejenigen grossen Männer am tiefsten leiden, die, sei es, weil ihre Eigenart eine auf den gewaltigen Errungenschaften der antik- und neuklassischen Periode zu lest gegründete war, oder weil sie zu früh aus dem irdischen Dasein abberufen wurden, den grossartigen Kampf zweier fast entgegengesetzter Weltanschauungen nach aussen hin gegen ihre Mitwelt und im Innern mit sich selbst nicht durchzufechten vermochten. Wenn solchen Männern schon als notwendige Folge eines grausamen Naturgesetzes, der innerhalb gewisser weiter Grenzen nach Veränderung stiebenden Kräfte - Entwicklung, die Anerkennung ihres Strebens ihrer Taten versagt bleiben musste, so ist es doch eine namentlich die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts als die Würde eines jeden nach Höherem sich sehnenden Menschen beleidigend sich kennzeichnende Kampfesart, ISRAEL ROUCHOMOVSK1. Saitapharnes in der Tiara. wenn die Versagung solcher jedem aus seinem tiefsten Innern heraus ringenden Menschen gebührenden Anerkennung noch mit Spott und Hohn, mit kalt lächelndei, überlegener Ironie gepaart wird, und das Lebenswerk eines Mannes, der seiner innersten Ueberzeugung reinen Ausdruck verlieh, als überflüssiger, ja als hemmender Ballast für das auf den Wogen eines eingebildeten Fortschrittes dahineilende Lebensschiff der Menschheit über Bord geworfen wird. Unter den grossen Tonkünstlern ist es besonders Felix Mendelssohn-Bartholdy, dessen Wirken das bedauerliche Los zuteil wurde, von den Fluten gänzlich veränderter Kunstanschauungen . hinweggespült, und in jener von feiner empfindenden Naturen nicht genug zu verdammenden Art der gönnerhaften geringen Schätzung selbst seitens viel minderwertigerer Geister in das Meer der Vergessenheit versenkt zu werden. Ein ihm besonders gütiges Geschick hat es ihm freilich erspart, indem es ihn noch vor Eintritt jener oben angedeuteten Kampfesphase im Alter von 38 Jahren von der Erde scheiden Hess, auch noch in eigener Person von der Grausamkeit dieses die Lebenskraft der stärksten Naturen zerrüttenden Streites, in dem alle Dämonen der menschlichen Seele gegeneinander wüten, zermürbt zu werden. Die vor die Augen der ganzen Welt tretenden Ursachen solcher erschütternden Perioden geistigen und seelischen Ringens sind, wie schon gesagt, Geistes-Phänomene, die wie ungeheure Naturkräfte, Ungewittern gleich, daherstürmen, alles um sich her verwüstend, im glutroten Himmelsscheine, in blendender Blitze Strahl, mit rollerden Donners gewaltiger Stimme Aufruhr kündend, nur ein prachtvoll ergreifendes Schauspiel dem, der in der gleichmütigen Unbekümmertbeit um sein geistiges Besitztum sich gesichert weiss, doch bange Furcht und beseligendes Hoffen dem, den es hinausreisst in die entfesselte Natur, neues, reineres Leben aus ihr zu schöpfen, oder schmerzlichen Untergang in ihr zu finden. Gewiss quillt unermesslicher Segen aus den verwüstenden Spuren solcher gewaltigen Kräfte, wenn sie die bleierne Schwüle der Alltäglich- PARIS.