Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1905)
- Article
- Rabbiner Dr. M. Kayserling
- Date
- 1905-06-01
- Page
- Seite 391 - 392 (sequence 3)
- Language
- German
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391 Rabbiner Dr. M. Kayserling. 392 t eidigte. Im Jahre 1863 bewilligte der eidgenössische Bundesrat den Juden das Bürgerrecht. Kein schöneres Zeugnis für die hohe Wertschätzung, die Dr. Kayserling dort sich bei den Angehörigen aller Konfessionen errungen, als die Aeusserung des Präsidenten des Aargauer Kantonrates, der, als er im Jahre 1870 erfuhr, dass Kayserling die Berufung der Pester israelitischen Religionsgemeinde angenommen habe, in die Worte ausbrach: ,,Es scheint, der Herr Rabbi ist bloss zu uns gekommen, um die Juden emanzipieren und, als er dies erreichte, die Schweiz im Stiche zu lassen." Im Jahre 1862 erschien sein Werk ,,Moses Mendelssohn", welches bereits eine zweite Auflage erlebt hat. Grosse Anerkennung fand die im Jahre 1864 erschienene „Geschichte der Juden in Portugal", ein würdiges Seitenstück zu seiner berühmten Geschichte der spanischen Juden. Zwei Jahre später gab er das interessante Werk „Manasse Ben Israel" heraus, das auch in englischer Sprache erschienen ist und auch von spanischen Geschichtsschreibern als Quelle angeführt wird. Inzwischen war Dr. Kayserling einem Rufe der Pester Religionsgemeinde gefolgt und hier, in der Hauptstadt Ungarns, an der Spitze einer der grössten jüdischen Gemeinden der Welt, wirkte Dr. Kayserling als Rabbiner bis an sein Lebensende. Hier schrieb er auch sein grosses, bereits in sechster Auflage erschienenes Werk „Handbuch der jüdischen Geschichte", in welchem er die Leidensgeschichte der Juden in sehr interessanter Weise schildert. Bei seinem Werke über Spanien unterstützte ihn der bekannte Berliner Philosoph Helferich mit dem er in enger Freundschaft stand. 1873veröffentlichte Kayserling unter dem Titel „Moses Mendelssohn, Ungedrucktes und Unbekanntes von ihm und über ihn" ein neues Werk, das zahlreiche neuere Daten über das Leben dieses grossen Philosophen enthielt.In seinem Buche „Die jüdischen Frauen in der Geschichte, Literatur und Kunst" schildert er die hervorragendsten Jüdinnen, welche sich durch Tugenden und Geist ausgezeichnet haben. Auch dieses Werk wurde in das Ungarische übersetzt, und zwar von Frau Marie Reismann. 1874 erschien seine Arbeit „Der Dichter Ephraim Kuh"; in französischer Sprache gab er ein bibliographisches Diktionär „Bibliotheca espanola portugesa judaica" heraus; in dem in spanischer Sprache geschriebenen Werke „Proverbia espanoles de los judios espafloles" sammelte er die unter den spanischen Juden gangbaren Sprüche. Ein sehr wertvolles homiletisches Werk ist seine zweibändige Bibliothek jüdischer Kanzelredner. Anonym ist schon 1882 in Wien sein Werk „Das Moralgesetz des Judentums in Beziehung auf Familie, Staat und Gesellschaft" erschienen. Einige Jahre später veröffentlichte er eine Schilderung seines berühmten Vorgängers unter dem Titel „A. W. Meisel. Ein Lebens- und Zeitbild". Dr. Kayserling heiratete noch als Schweizer Rabbiner die Tochter des berühmten Magdeburger Rabbiners Dr. Ludwig Philippson, dessen ausführliche Biographie er 1898 veröffentlichte. Von seinen Schwägern ist der eine der ausgezeichnete Historiker Dr. Martin Philippson, Professor der Geschichte an der Brüsseler Universität, der zweite Professor der Geographie an der Universität Bern, seinerzeit ein eifriger Mitarbeiter weil. Heinrich Schliemanns, der dritte, Franz Philippson, ist italienischer Generalkonsul in Brüssel. Für die auf dem Gebiete der spanischen Geschichte erworbenen grossen Verdienste ISRAEL ROUCHOMOVSKI. Miniatur-Sarkophag mit Skelett. PARIS.