Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1905)
- Article
- Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt
- Date
- 1905-05-01
- Page
- Seite 359 - 360 (sequence 4)
- Language
- German
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359 Bar-Ami: Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. 360 Spitze eines Minjans von zehn erwachsenen Männern, die alle gelehrt und fromm waren, nach dem Friedhof jener Stadt, trat an das Grab und hörte die Klage des Verstorbenen an. Ihm kränkte am meisten die Beleidigung, die ihm der Pächter zugefügt, und die ihm in der anderen Welt keine Ruhe liess. Der Rabbiner hörte beide Patteien an und fällte ein Urteil, dass der Pächter der armen Witwe auch fernerhin die volle Pension auszuzahlen und dann für ihre Kinder zu sorgen habe. Der Tote gab sich zufrieden. Aber der Rabbiner konnte sich nicht enthalten und fragte ihn: „Wodurch hast du, der du ja erst einige Wochen auf der anderen Welt weilst, bei Gott die Gnade erreicht, dass er dir die Macht gab, einen Lebenden vor Gericht zu fordern?" Der Verstorbene antwortete: „Ich darf es sagen, da ich tot bin, und es mir nicht als Selbstlob angerechnet werden wird. Bei Lebzeiten kannte ich eine arme Frau, die jede Woche gezwungen war, ihre einzige Kupferschüssel zu versetzen, um den Sabbat feiern zu können. Als sie eines Tages nicht hatte, bei wem die Schüssel zu versetzen, ergab sie sich in Gottes Willen und hoffte auf seine Hilfe, und ich war derjenige, durch den ihr Gott Hilfe sandte, ich lieh ihr Geld ohne Pfand und ersparte ihr die Beschämung. Dank ihrer Fürsprache erfuhr ich keine Qualen des Grabes und sah auch nicht das Antlitz der Hölle, sondern die Pforten des Paradieses taten sich gleich vor mir auf. Darum wurde mir auch die Gnade gewährt, den Schuldner, der mein Andenken geschmäht, vor Gericht zu fordern." Der zweite Jüdische Turntag. Am 23. und 24. April hat in Berlin die zweite ordentliche Versammlung der zur Jüdischen Turnerschaft gehörigen Vereine, der sogenannte „Jüdische Turntag", stattgefunden. Ausser den Vertretern des über 500 Turner zählenden Berliner jüdischen Turnvereins „Bar Kochba" waren folgende Bundesvereine vertreten: Köln, Wien, Mährisch-Ostrau, Bielitz, Graz, Oderfurth, Stettin und Lemberg. Ausserdem wohnten Abgeordnete der dem Verband noch nicht angehörenden jüdischen Turnvereine von München, Aachen und Posen den Beratungen des Turntags bei. Eingeleitet wurde der Turntag durch einen vom Turnverein „Bar Kochba" veranstalteten Palästinawein-Begrüssungskommers, zu dem ausser Hunderten von Turnern nebst Augehörigen eine grössere Anzahl von bekannten Führern der jüdischen Bewegung erschienen waren. Der Turntag selbst wurde am 23. April durch den Vorsitzenden der „Jüdischen Turnerschaft", Dr. Ernst Tuch- Charlottenburg, feierlich eröffnet. Der Turntag hat an diesem und dem folgenden Tage eine Fülle von Arbeit in erspriesslichster Weise bewältigt. Zunächst galt es, den Mängeln der bisherigen Organisation abzuhelfen und ein Statut zu schaffen, das der Eigenart der fraglichen Verhältnisse gerecht wurde- Nach dieser Richtung hin ist ein voller Erfolg zu verzeichnen. Vor allem ist ein glücklicher Gx-iff mit der Organisierung der sog. Obmannschaft, d.h. der Vorsitzenden der sämtlichen Verbandsvereine, getan worden. Dieses neue Organ gewährleistet eine engere Fühlungnahme der einzelnen Vereirje mit der Zentrale. In propagandistischer Beziehung waren die Anregungen des Dr. Ludwig Werner-Wien imd Julius Berger-Köln besonders wertvoll. Auch die Ausführungen des Turnlehrers Rudolf Pollak-Wien über den Turnbetrieb in den jüdischen Turnvereinen werden in vielen Punkten für die Zukunft massgeblich sein. Zur Ermöglichung und Förderung einer systematischen und wirksamen Propaganda erscheint der Beschluss. einen Fonds für die „Jüdische Turnerschaft" zu schaffen, von ausserordentlicher Bedeutung. Endlich sei noch auf die Referate hingewiesen, die die Stellungnahme der „Jüdischen Turnerschaft" zum Zionismus und zu den nichtjüdischen Turnverbänden behandeln. Ueber das erste Thema sprach Dr. Jalowicz. An das Referat schloss sich eine lebhafte Debatte, in der sich völlige Einigkeit aller Redner darüber ergab, dass die „Jüdische Turnerschaft" mit dem Zionismus die national-jüdische Basis gemein habe, dass sie aber nach ihren Satzungen keinerlei poli tische Zwecke verfolge. Das Referat von Theobald Scholem-Berlin über die Stellung der Jüdischen Turnerschaft zu den anderen Turnverbänden führte zur einstimmigen Annahme nachfolgender Resolutionen: 1. Der zweite Jüdische Turntag erklärt, dass die Stellung der „Jüdischen Turnerschaft" gegenüber den anderen Turnverbänden gegeben ist durch den § 2 der Satzungen, welcher lautet: „Die „Jüdische Turnerschaft" bezweckt die Pflege ,. des Turnens als Mittel zur Hebung des jüdischen Stammes im Sinne dec national-jüdischen Idee. Unter National-Judentum verstehen wir das Bewusstj sein der Zusammengehörigkeit aller Juden auf Grund gemeinsamer Abstammung und Geschichte, sowie den Willen, die jüdische Stammesgemeinschaft auf dieser Grundlage zu erhalten. Der Verband verfolgt keine politischen Zwecke." Der „Jüdische Turntag" stellt fest, dass sich diese Zwecke und Ziele nur in der „Jüdischen Turnerschaft" erreichen lassen. Aggressive Tendenzen liegen der „Jüdischen Turnerschaft" fern. 2. Der zweite „Jüdische Turntag" gibt seinem lebhaften Bedauern darüber Ausdruck, dass jüdische Mitglieder des Kreises 15b der „Deutschen Turnerschaft" trotz der judenfeindlichen Stellungnahme des Kreises 15b sich nicht ihres jüdischen Volkstums bewusst geworden, sondern in der „Deutschen Turnerschaft verblieben sind. Nach Erledigung der Neuwahlen und nach der Bestimmung des nächsten Turntages, wozu einstimmig Wien gewählt wurde, schloss der Vorsitzende Dr. Ernst Tuch den zweiten „Jüdischen Turntag". Abonnementspreis für das Jahr in Deutschland und Oesterreich Mark 7,— (Luxusausgabe Mark 14,—), für das Ausland Mark 8,— (Luxusausgabe Mark 16,—). für Russland ganzjährlich 4 Rubel. Einzelhefte ä 35 Kop. *■ ________, Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, durch alle Postämter des Deutschen ___.__,___„_ Reiches unter ^No. 5785 a der Postzeitungsliste und durch die Expedition dieser Zeitschrift. " ' ~~ Anzeigen 75 Pfennig die viergespaltene Petitzeile, grossere Anzeigen nach Tarif, bei Wiederholungen Rabatt, Stellen-Gesuche und -Angebote sunt halben Preise. Vivanlwortlichcr Redakteur: Leo Winz, Berlin, Altonaerstr. 36. — Verlag Ost und West, G.m.b.H., Berlin KW. 23- Druck von Pass & Gar leb G. m. b. H., Berlin W. 35.