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Ost und West · 1905-05-01 · Heft 5 (Mai 1905) · p. Seite 357 - 358

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 5 (Mai 1905)
Article
Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt
Date
1905-05-01
Page
Seite 357 - 358 (sequence 3)
Language
German
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357 Bar-Ami: Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt. 358 Alter Thora, und er deutete ihnen vieles Unerklärliche und Verborgene, dass unser Mann erstaunt und entzückt war. Dann nahm ein schöner alter Mann mit leuchtenden Augen, wie zwei Sonnen, und einem weissen, langen Bart eine Fiedel und fing an zu spielen, das war so wunderbar schön, dass einem dabei die Seele ausgehen konnte. Und dabei tanzten die andern alle und tanzten gar lange, aber man sah es ihnen an, dass keine Müdigkeit über sie kam, solange sie auch tanzen mochten. Unser armer Mann konnte sich nicht sattsehen und satthören an all dem Schönen, welches hier war. Er vergass ganz, woher er kam, und was mit ihm geschehen war, und meinte, hier würde er ewig bleiben in den weissen Gewändern, und würde den Gesang hören und das Spiel der Fiedel und die wunderbaren Offenbarungen der Geheimnisse der Thora. Da kam auf ihn der Mann zu, der ihn hierher geführt hatte, fasste ihn bei der Hand und geleitete ihn hinaus durch unterirdische Gänge, weit, weit weg, bis sie nach einem Raum gelangten, der voll war von Gold und Edelsteinen, dass es in den Augen flimmerte. Da sprach der Führer zu unserem Mann: „Wisse, ich bin liliah, der Prophet. Ich habe deine Klage gehört und deine Bitte, dass Gott dir den Lohn, der dich im Jenseits erwartet, auf Erden in irdischen Gütern bezahle. Ich habe dich nun ins Paradies gebracht, und du hast da eine ganze Nacht verweilt. Du hast den Geschmack des Paradieses bei Lebzeiten gekostet. Das waren die Heiligen und Reinen, die hier ein ewiges Leben führen. Das war König David, der die Fiedel spielte, denn es war ja das Festmahl des Königs David. Wenn deine Zeit auf Erden abgelaufen ist, wirst du auch unter ihnen weilen. Aber solange du lebst, musst du Armut tragen. Denn es wurde beschlossen, dass du entweder diese oder jene Welt erbst. Doch wenn du auf jene Welt verzichtest, kannst du dir hier soviel Gold und Edelsteine nehmen, als es dir beliebt. Nun wähle." Der arme Mann sann eine Weile nach. Aber bald wandte er sich ab und ging rasch hinaus, denn er fürchtete, dass der Jezer-hara ihn bereden könnte, auf das Paradies zu verzichten. Als der Morgen graute, stand er wieder im dichten Walde, neben seinem Wagen und seinem mageren Pferdchen. * * * Das Totengericht. Es war einmal eine arme Frau. Ihr Mann war ein Kürschner und ging durch die Dörfer, um Bauernpelze zu nähen oder zu flicken. Gewöhnlich pflegte er am Freitag vor Abend nach Hause zu kommen und seinen kärglichen Verdienst mitzubringen. Die Frau besass eine kupferne Schüssel, die sie jeden Donnerstag bei einer Nachbarin versetzte, um Sabbat machen zu können, dann am Sonntag löste sie die Schüssel ein. Die Nachbarin hielt sich das für eine Mizwah, da jene ohne ihre Beihilfe nicht imstande gewesen wäre, etwas für den Sabbat vorzubereiten. Einmal starb diese Nachbarin. Die arme Frau schämte sich, bei einer andern anzuklopfen, und dachte bei sich, vielleicht wird mir Gott auch ohne Schüssel helfen. Sie wartete Donnerstag bis zum Abend, aber es zeigte sich nichts. Als die Nacht kam, nahm sie die Schüssel und ging wie sonst auf die Strasse hinaus und überlegte, wo sie ein Darlehen aufnehmen könnte. Da begegnete sie einem fremden Menschen, der vom Abendgebet aus der Synagoge kam. Dieser redete sie an und fragte, wohin sie mit der Schüssel wolle. Die Frau antwortete, ich möchte mir drei Gulden leihen, um den Sabbat machen zu können, denn mein Mann kommt erst morgen spät vor Abend nach Hause. Sie erzählte ihm die ganze Geschichte, und dass sie so seit langem zu tun pflegte, aber nun sei ihre Wohltäterin gestorben. Der Fremde sagte zu ihr: Ich will euch gern das Geld auch ohne die Schüssel leihen, das könnt ihr von einer Woche auf die andere haben, und wenn euer Mann etwas mehr verdient, könnt ihr mir es zurückgeben. Die Frau war sehr erfreut, nahm das Darlehen an und bereitete den Sabbat, wie Gott es gebietet. Am Freitag abends, während sie die Sabbatlichter anzündete, segnete sie den guten Menschen und sagte: möge ihm im Himmel eine eben solche Helligkeit entgegenleuchten; als sie die Fische ass, sprach sie: dass ihm das Paradies so schön duften möge, wie die Fische duften. So segnete sie ihn immerfort. Einige Zeit darauf verstarb die arme Frau und ein Jahr danach auch ihr Wohltäter. Als man ihn hinaustrug nach dem „heiligen Ort" (Friedhof), kamen die Zuchtengel herbeigeeilt, um seine Seele in Empfang zu nehmen und wollten dabei ihre gewöhnlichen Streiche beginnen, so wie sie es zu machen pflegen, wenn ein Sünder stirbt: da drängen sie sich an seinen Leichnam heran, der eine kneift, der andere zupft, der dritte pufft oder verhöhnt ihn. Aber jene Frau kam ihm entgegen und schützte ihn vor den Angreifern. Sie errettete ihn auch von den „Qualen des Grabes", die jeder Mensch erleiden muss. Denn jene Verstorbenen, die bereits 12 Monate lang 'für ihre Sünden abgebüsst haben, besitzen im Himmel eine grosse Bedeutung und vermögen viel für die Irdischen. Jener Mann war im Leben Aufseher der Propination gewesen, hinterliess daher der Witwe kein Vermögen. Vor dem Tode sagte er ihr, dass er vom Propinationspächter, seinem Brotgeber, noch eine bestimmte Summe zu forclern habe. Er war ein sehr gottesfürchtiger und guter Mensch. Stets, wenn der Propinationspächter einem Armen ein Almosen verweigerte, gab er es, und verschrieb es auf seine eigene Rechnung. Seine Frau war darum sehr arm geblieben. Als die sieben Trauertage vorüber waren, ging sie zum Pächter und bat, dass er ihr die gebührende Summe auszahle. Der Pächter aber wurde sehr aufgebracht und schrie: dass ihn der Teufel holen möge! Nicht genug, dass er mich bei Lebzeiten geplündert hat, fordert er auch nach dem Tode Geld von mir! Und er wollte nicht bezahlen. Die Witwe eilte sofort nach dem Friedhof und erzählte alles dem Manne. Sie weinte sehr. In der Nacht kam der Tote und zog den Pächter und forderte ihn vor den höchsten Richter. Der Angeklagte weint und fleht: „Lass' mich nur in Ruhe, ich will deiner Frau das Geld bezahlen und ihr noch darauf geben, so viel du willst, nur lass' ab von mir." Jener aber beharrt hartnäckig bei seiner Forderung, dass der Pächter ihm vor den höchsten Richter folge. Der Mann erwachte furchtbar erschrocken, weckte das ganze Haus auf und alle gerieten in Todesangst. Aber als der Morgen kam, hatten sie alles vergessen und schwiegen. Doch in der nächsten Nacht wiederholte sich dasselbe, und dann auch in der dritten Nacht. Der Propinator fuhr daher zum Lemberger Rabbiner, um seinen Rat einzuholen. Der Rabbiner riet ihm: wenn der Tote wiederkäme, sage ihm, jene, die Toten, müssen den Lebenden nachgeben, für die Lebenden aber ist das Gericht auf dieser, nicht auf der anderen Welt. In der nächsten Nacht kam der Töte abermals und zog sein Opfer mit sich. Der Pächter wiederholte die Worte des Rabbiners und der Tote Hess ab von ihm. Tags darauf begab sich der Rabbiner an der

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