Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1905)
- Article
- Alphons Levy
- Date
- 1905-05-01
- Page
- Seite 319 - 320 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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319 Alphons Levy- 320 sitzen sie auf der Erde und trauern um einen Verstorbenen, und der weissbärtige Alte hält ein Buch auf den Knien, wohl das Buch Job, oder die Klagelieder, und hält ihnen einen Vortrag daraus. Auf einem Friedhof, dessen Grabsteine im Hintergrunde sichtbar sind, betet ein Alter durch eine Brille aus dem „Maaneh Laschon"; es ist „Jahrzeit" eines seiner Lieben, die hier den ewigen Schlaf schlafen. Zwei Juden, ein polnischer und wohl .ein Elsasser, stehen vor der „Klagemauer" auf dem Hügel Zion. Schlichte Demut und Trauer drücken die Linien ihrer Haltung aus. Von besonderem Interesse sind seine Figuren der Juden von Algier, die von feiner Beobachtung und liebevoller Auffassung zeugen. Da tastet sich der eine und der andere Blinde durch die Synagoge; Psalmensänger hocken, sitzen oder stehen und murmeln leise ihre Gebete. AlphonsLevy packt die Juden in ihren intimsien Momenten und in den zartesten Regungen ihrer Gesamtseele. „Oftmals hatte man mir nahegelegt, schöne Juden und Jüdinnen zu malen", bemerkte er einmal. „Ach, ich fühle mich unfähig, Dinge zu malen, die durch die Modelle von dieser Art wirken sollen. Das sagt mir nichts, ich finde das nicht malerisch genug." Er wollte damit wohl nur ausdrücken, dass er das Charakteristische und nicht das banal Hübsche liebt, dass er es vorzieht, seine Modelle durch das,, was sie sind, und nicht durch das, was sie scheinen, wirken zu lassen. „Es ist ein Hauch von aufrichtigem Glauben, der uns aus seinen Werken anweht", sagt ein christlicher Kritiker von ihm. „Von jedem seiner Werke geht ein Eindruck aus, der einen in der .Tiefe der Seele anfasst. Und das ist es ja, was den grossen Künstler bekundet." Von Alphons Levy, der jetzt am Ende der Vierziger steht, darf man noch manch schönes Werk erhoffen. MENSCHLICHE KLUGHEIT UND MENSCHLICHE TORHEIT IM JÜDISCHEN SPRICHWORT. Von B. Hirsch. Wem Gott eine ewige Wunde schlagen will, dem Verstand, Einsicht undReue kommen immer zu spät, gibt er einen grossen Verstand. # *! * * # * Oft bringt der Verstand mehr ein als die Hände. Zum Verrücktwerden gehört ein Kopf. * * * * * * Uebe deinen Verstand bis siebzig Jahren. Je weniger der Mensch begreift, desto gesünder * * ist es für ihn. Verstand lernt der Mensch bis an sein Lebensende * * * — und am Ende stirbt er ein Narr. Wenn der Kluge int, irrt er gewaltig. # * Zu viel Nachdenken schadet zuweilen, zu wenig immer. Was nützt die Klugheit, da die Dummheit gilt! * * * Wem das Glück „spielt" (hold ist), dessen Klugheit gilt. Verstand ohne Glück gleicht einem ungeschliffenen * Edelstein. * * Des Reichen Klugheit gilt mehr als des Armen Weisheit. Besser ein Lot Glück als ein Zentner Verstand. * Alle Klugen gehen zu Fuss, alle Narren fahren in Not schärft den Verstand, Glück macht ihn stumpf. Kutschen. * * * * * * Nichts kommt so langsam wie der Verstand. Darum geht's den Narren so gut auf der Welt, * * da Gott sie behütet. * _ „Gott behütet die Toren." (Psalm 116, 6.) Der Verstand kommt nach den Jahren. *