Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1905)
- Article
- Alphons Levy
- Date
- 1905-05-01
- Page
- Seite 317 - 318 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2583875-2583931-2583937-2592188--05154-2592258- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
317 318 ALPHONS LEW. „Le Millet des Juifs" nannten sie ihn in Paris, als er im Jahre 1903 seine Kreidezeichnungen und Originallithographien ausstellte, die viel Aufsehen erregten und zum grossen Teil von der Regierung für das Musee de Luxembourg und das Kupferstichkabinet der Nationalbibliothek angekauft -wurden. Alphons Levy wurde der Maler der Juden seines engeren Vaterlandes, des Elsass, deren Sitten und Bräuche, deren häuslichen Kummer und Frieden er mit ausdrucksvollem Stift festzuhalten verstand, bevor die Flut der neuen Zeit sie vom Erdboden wegwischte. Ein nichtjüdischer Kunstkritiker schrieb damals über seine Schöpfungen: „Die Bräuche, welche A. Levy mit so packendem Griffel malt und die offenbar so treu und lebenswahr erfasst sind, bilden für mich nur einen toten Buchstaben. Sie ergreifen mich nur insofern, als sie der Ausdruck einer religiösen Zeremonie sind, das heisst also der Ausdruck jener Sehnsucht nach dem Ideal, deren begrenztes, aber die Einbildungskraft mächtig bewegendes äusserliches Zeichen es ist, wenn ein Mann sich in einen Stofffetzen hüllt, Lichter in einem Kandelaber angezündet werden, in scharfen, hohen Gutturaltönen alte, heilige Gesänge vorgetragen werden . . . Ich gestehe, dass wir Katholiken augenblicklich keinen Maler haben, der für uns dasselbe bedeutete, was A. Levy für seine Glaubensgenossen." „Ich habe in meiner Jugend nicht die Nachtigall um mich her schlagen hören", bemerkte er selber über seine Jugend- und Lehrjahre, „sondern ich stand seit frühester Jugend unter dem Eindruck der Schönheiten und des Zaubers des Kultus jener Religion, der ich angehöre. Meine Modelle suchte ich mir unter den Niedrigen und Bescheidenen, unter den naiv frommen Dorfbewohnern, für die die Verderbtheit unserer übertriebenen Zivilisation ein Geheimnisgeblieben war: meine Modelle haben noch die Gemarken ihrer Dörfer im Elsass und Lothringen nicht überschritten, welche meine Familie bewohnt. Es ALPHONS LEVY. PARIS. sind Selbstportrait. die V or- ALPHONS LEVY. PARIS. Meditierender Rabbiner. fahren derer, die Herr Diumont heutzutage so heftiganfeindet. Aber ich bezweifle, ob jene Vorfahren mit der Lebensführung ihrer Enkel zufrieden wären." Sie muten uns denn auch allerliebst unmodern und altfränkisch an, diese Vorfahren, diese Juden und Jüdinnen aus den kleinen Städtchen und Dörfchen des Elsass und Lothringens, wo sich die Ueberreste ehemals blühender Gemeinden erhalten haben. Da ist die Frau, die mit triumphierender Miene die Stürze von der Kasserole abhebt, um dem Gatten den wohlgelungenen „Kugel'4 für Sabbat, diese Götterspeise, zu zeigen, die bekanntlich von Engeln gargekocht wird. Ein anderes Hausmütterchen bereitet vor unseren Augen die Knödel zur Suppe für das Passachmahl. Ein alter „Melammed" weiht einen kleinen, widerhaarigen ABC- Schützen in die Mysterien des hebräischen Alphabets ein. Ein Rabbiner mit dem Talith um die Schultern hat sich zurückgelehnt, sein Auge späht hinaus in die Ferne, und er sinnt über den Inhalt des Buches, das aufgeschlagen auf seinen Knien liegt. Ein kleines, altes Männchen blickt mit verklärter Miene, voller Entzücken auf den Lulav mit dem Feststrauss, den er in der Hand hält. Auch die tragischen Momente des Lebens kommen zur Geltung. Da stehen sie demütig, in Weiss gehüllt, am Jörn Kippur in der Synagoge und fasten und kasteien sich und beten im Dämmerlichte zum Herrn der Welt um Vergebung ihrer Sünden. Da