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Ost und West · 1905-04-01 · Heft 4 (April 1905) · p. Seite 255 - 256

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 4 (April 1905)
Article
Persönliches über Julius Fürst
Date
1905-04-01
Page
Seite 255 - 256 (sequence 5)
Language
German
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255 Livius Fürst: Persönliches über Julius Fürst. 256 der Arbeitslampe nicht entbehren kann, so wurde Rat geschafft. Die Eltern entschlossen sich, Zöglinge höherer Lehranstalten in Pension zu nehmen, und gar bald kamen solche aus Deutschland, Oesterreich, England, Russland und Italien in unser Haus. Natürlich lag die Fürsorge für diese jungen Leute der Hausfrau ob, und diese erfüllte ihre Pflicht mit Freudigkeit. Endlich aber trat eine glückliche Wendung ein. Das Sächsische Kultusministerium hatte meinen Vater aus der Kategorie der „Lehrer und Exerzitienmeister" zum „Lector publicus" aufrücken lassen. Es war dies eine ganz exzeptionelle Stellung, welche das protestantische Statut der Universität nicht berührte. Dennoch musste er die Zusage geben, sich nicht in christlichtheologische Angelegenheiten der Universität mischen zu wollen. Die allerdings recht mässige Beförderung wurde aber durch einen festen Gehalt versüsst. Nun gaben die Eltern, froh aufatmend, das Pensionat auf, und mein Vater konnte von da ab der Wissenschaft und dem von ihm so sehr geliebten Lehrberuf sorgenlos leben. Unter seinen Zuhörern waren so manche, die später hochangesehen, ja berühmt wurden. Ich nenne nur Israel, Labes, Ryssel, Redslob, v. Rosen, Sengelmann, von Seydewitz, Spiegel, Steinhardt, Wetzstein und Wünsche, denen sich noch Hunderte anreihen liessen. Alle Schüler verehrten ihn und seine stets bereite Gefälligkeit, mit der er von seinem reichen Wissen freigebig spendete. So manche haben später das Wort Adolf Harnacks wahr gemacht, dass jede grosse Persönlichkeit einen Teil ihres Wesens erst in denen offenbart, auf die sie wirkt. Meines Vaters äussere Lebensstellung erfuhr in dieser Zeit manche freundliche Beachtung. So ablehnend sich beharrlich die Universität gegenüber jedem Verlangen nach würdiger Förderung erwies, so entgegenkommend waren die sächsischen Könige Friedrich August und Johann, sowie der sächsische Kultusminister Frhr. v. Falkenstein, der, trotzdem man ihn immer als orthodox bezeichnet, gerade in bezug auf meinen Vater voll weitherzigen Interesses war. Die Herrscher Sachsens, Preussens und Oesterreichs übersandten ihm als spontane Zeichen ihrer Wertschätzung Orden, Verdienstmedaillen und Brillantringe. Die sächsische Regierung verlieh ihm wenigstens den Professor-Titel. Kurz, man bekundete ihm auf die verschiedenste Weise eine Würdigung seiner Verdienste, die wohltuend von der Gleichgültigkeit und Zurücksetzung seitens akademischer Kreise abstach, Mein Vater hat Auszeichnungen nie gesucht. Alles Strebertum lag ihm fern. Einzig und allein der Wissenschaft wollte er dienen, und er tat dies mit minutiösem Fleisse, ohne Prätensionen. Aber die behagliche Freude an der Vollendung eines Werkes war ihm nicht so gegeben wie anderen, die, dem Bergsteiger gleich, nach dem Erklimmen eines Gipfels lange rasten, Rück- und Umschau halten. Mit gleichem Arbeitstrieb setzte er seine Kräfte sofort für eine andere Aufgabe ein, ohne sich jene wohltuende Entspannung zu gönnen, welche darin besteht, dass man einige Zeit sein eigenes Werk betrachtet, aus der Befriedigung über das Geleistete Genugtuung und neue Lebensfrische schöpft. Darin lag eine Art Martyrium; er trug es willig, eingedenk des Koranspruches: „Die Tinte des Gelehrten und das Blut des Märtyrers haben vor dem Himmel den gleichen Wert." Oft hat er mir erzählt, wie er in den sehr bescheidenen Verhältnissen eines preussisch-polnischen Grenzstädtchens aufgewachsen war, wie er anfangs nur Hebräisch und Polnisch, kein Deutsch gelernt hat, aber dem inneren Drange zu einer höheren Ausbildung folgen musste, wie er stundenweit wanderte, als ihm ein katholischer Pfarrer unentgeltlichen Latein-Unterricht gewährt hatte. Er erzählt, wie er zu Fuss und mittellos nach Berlin ging und' dort durch das Entgegenkommen des Rektors Prof. Jon. Joachim Bellermann in das Gymnasium aufgenommen wurde. Der als Theolog, Archäolog und Kenner der biblischen Literatur berühmte Mann mochte wohl sofort die Begabung des armen Knaben erkannt haben. Er ermöglichte ihm nicht nur die Gymnasialbildung, sondern empfahl ihn auch, um ihm Existenzmittel zu schaffen, den künftigen Theologen der oberen Klassen als Lehrer des Hebräischen. Dann schilderte mein Vater oft, wie er es nicht übers Herz bringen konnte, sich gegen seine Neigung dem Rabbiner-Berufe zu widmen, obwohl ihm dieser ein sicheres Brot in Aussicht stellte. Er gedachte des Einflusses bedeutender Männer, welche ihn in seinem Entschlüsse bestärkten, sich dem Studium der Philologie und Literaturgeschichte zuzuwenden. Auch von seiner Studienzeit erzählte er in Berlin (1825) unter Hegel und Neander, in Breslau (1829) — wo u. a. auch Heinrich Laube, damals noch Theolog, sein Kommilitone war — unter Bernstein und Middeldorf, in Halle (1832) unter Gesenius, Wegscheider, Tholuck, Bernhardi und Rosenkranz. Es war ein hartes Stück Arbeit, denn der Lernende musste sich zugleich durch Stundengeben erhalten. Als er in Jena (1836) zum Doktor promoviert wurde, war er schon seit sechs Jahren wissenschaftlich bekannt. Auch in Leipzig Hess er sich, obwohl bereits Privatgelehrter, noch zweimal inskribieren, 1833 unter Haase, 1839 unter Ernst Heinr. Weber. In diese Zeit fällt auch das Freundschaftsverhältnis mit Franz Delitzsch, dessen Lehrer in hebräischen, in rabbinischen und talmudischen Wissenschaften er war. Die Beziehungen waren allerdings mehr wissenschaftliche als persönliche, aber beide arbeiteten doch, besonders auf sprachwissenschaftlichem Gebiete, manches gemeinsam. Delitzsch setzte damals Fürst in einer Schrift: „Jesurun" (1838) ein Denkmal durch eine lateinische Widmung, welche deutsch etwa folgendermassen wiederzugeben wäre: „Zugeeignet an Julius Fürst, dessen ich mich als meinen Freund und Lehrer rühme, und durch den ein neues Zeitalter hebräischer Studien eingeleitet wurde, welches man das goldene nennen darf." Die verschiedenen religiösen Anschauungen führten später ihre Wege äusserlich auseinander, innerlich blieben sie einander zugetan, und unter denen, die meines Vaters Bahre umstanden, war Delitzsch gewiss einer der Ergriffensten. Lehrend an der Universität zu wirken, war meinem Vater Bedürfnis, und seine Befähigung hierzu wurde von Autoritäten anerkannt. So empfahlen ihn Prof. Niedner und der Dekan der Theologischen Fakultät, Prof. Wiener, in wärmsten Worten. Trotz alledem plazierte man ihn jahrelang nur zwischen dem Tanz- und Fechtmeister. Als ihm ein Vierteljahrhundert, später, 1864, von Seiten der Regierung die Titulatur Professor zuteil wurde, geschah es unter Betonung „seiner hohen Wissenschaftlichkeit und Gelehrsa mkeit, durch welche er bereits eine lange Reihe von Jahren der Universität zur wahren, weithin anerkannten Zierde gereicht." Prof. Aloys Müller (Wien) schrieb damals: „Erst durch einen liberalen Schritt der sächsischen Regierung, beim Eintritt in das

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