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Ost und West · 1905-04-01 · Heft 4 (April 1905) · p. Seite 239 - 240

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 4 (April 1905)
Article
Eugen Spiro
Date
1905-04-01
Page
Seite 239 - 240 (sequence 5)
Language
German
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239 Georg Hermann: Eugen Spiro. 240 Lichtschein einer späten, goldigen Sonne. Die Räumlichkeit, : die Tiefe ist, nicht angestrebt; alle Gemälde Spirps zerfallen eigentlich in zwei Gründe, die stark betonte Figur vorn, und der dekorativ und summarisch behandelte Hintergrund, der eigentlich fast wie ein Gobelin zu wirken hat. Und zu den Gaben eines starken und sich selbstbewussten Könnens kommen bei Spiro letzter, feinster Geschmack und eine unerhörte Grazie — die ja durch die Titelblätter der Jugend aller Welt bekannt wurden. Lange bevor ich Näheres über den Künstler wusste, kaufte ich mir diese Nummer der Wochenschrift, , weil mir diese Grazie auffiel, weil sie unsern Sinnen schmeichelt. Welch ein Zauber liegt in jenem Mädchen vor dem Spiegel? Wie berückend ist der weite Flatterfächer der Tänzerin, ihre Bewegung, ihr Ausdruck! Dass man mit solchen Gaben ein beliebter Porträtist wird, ist nicht verwunderlich, wo man in unserm schwerblutigen Deutschland Leute, die angenehm sind., ohne fade und süsslich zu sein, mit der Laterne suchen muss. Spiro ist ein mondänes Talent von seltener Grazie, seltenem Geschmack und stets überraschendem Können. — Aber werden wir uns einmal darüber klar, dass gerade diese Talente die einzigen sind, die ganz aus dem Tag, aus dem Heute, aus der Zeit herausgewachsen sind. Er ist ein Malerelegant, stets liebenswürdig, neu und von feiner, empfindsamer Seele, feminin im letzten Grunde, aber nie süsslich, nie trivial. Und meine Herren, man mag noch so sehr alles zu definieren suchen, alle Fürs und Wenns und Abers erwägen — Talent und Können ist die Hauptsache, und das hat er, wie kaum einer heute von 31 Jahren. DER ZAUBERKUENSTLER. Von J. L. Dem Jüdischen nachgebildet Ein Zauberkünstler war einst in ein Städtchen Wolhyniens gekommen. Es war kurz vor Passah; und wenn da auch jeder Jude mehr Sorgen hat, als Haare auf dem Kopf, so brachte doch die Ankunft des Zauberkünstlers das ganze Städtchen in Aufruhr. Es war aber auch ein gar zu seltsamer Mensch. Er ging abgerissen undtrug einen Zylinder, wenn auch einen zerdrückten, auf dem Kopfe. Sein Gesicht, auf dessen jüdischen Zügen doch der Abglanz Gottes lag, war vollkommen bartlos. Auch einen Pass hatte er nicht! Und essen sah ihn wohl keiner, weder koscher, noch treife. Mag der Himmel wissen, was der Mensch eigentlich ist. Die Leute fragen ihn nach seiner Herkunft. Er sagt: „Aus Paris!a — Wohin er ginge? „Nach London!" — Und wie kommt Ihr hierher? „Ich hab' mich verlaufen." Wirtschaft! So weit zu Fuss zu gehen! Und zum Beten in die Schul' kommt er nie, selbst am Sabbat Hagodaul nicht. Und stellt man sich um ihn im Kreise herum, dann verschwindet er plötzlich, als hätf ihn die Erde verschlungen, und kommt an einer anderen Seite des Marktes wieder zum Vorschein. — Gar bald hatte er sich einen Saal gemietet und mit seinen Zauberkünsten begonnen. Waren das Künste! Vor der ganzen Gemeinde, für jeden sichtbar, verschlang er brennende Kohlen, als Per ez. von Theodor Zlocisti. Nachdruck verboten. wären es Nudeln! Und aus dem Munde zog er allerlei Bänder heraus, rote und grüne; überhaupt von jeder Farbe. Und lang waren die Bänder! So lang wie das jüdische Golus. Aus seinen Stiefel Schäften zog er sechzehn Puthähne heraus, gross wie die Bären — lebende Puthähne, die nachher über die Bühne liefen. Dann hob er einen Fuss hoch und kratzte von der Stiefelsohle echte Dukaten. Eine ganze Schüssel voll Dukaten. Wird Beifall geklatscht, so pfeift er, und dann flattern durch die Luft Sabbatkuchen und Brote und fangen an, einen Reigen unter der Decke zu tanzen. Pfeift er dann zum zweitenmal, ist alles verschwunden, als wäre es nie gewesen. Fort die Bänder, fort die Brote, fort die Puthähne — alles fort! Aber das Publikum hat auch seine Bildung und hat die Analogien gleich bei der Hand. Die Zauberer in Aegypten haben bestimmt grössere Kunststücke gezeigt. Da muss man aber fragen: Wie kommt es, dass unser Künstler selbst so ein armer Mann ist? Ein Mensch, der Dukaten von der Stiefelsohle abkratzt, und der nicht einmal in der Wirtschaft seine Zeche bezahlen kann! . . . Mit einem Griff lässt er mehr Brote und Sabbatkuchen entstehen, als der grössle Bäcker backen könnte! Puthähne holt er aus dem Stiefelschaft — und dabei hat er ein vertrocknetes Gesicht — viel vollere und schönere legt man ins Grab hinein! Flammend brennt ihm der Hunger aus den Augen. Wahrlich! Sie haben recht, wenn sie tuscheln: »Das ist die fünfte Frage zu Man nischtanoh!" . . .

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