Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- Eugen Spiro
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 233 - 234 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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233 Georg Hermann: Eugen Spiro. 234 von grosse- Männern EUGEN SPIRO. BERLIN Portrait meiner Mutter. rer Vitalität als vordem, frisch, wohlhabend", eigentlich unsinnlich, sportgeübt — und man sieht ihnen an, dass sie Tennis spielen. Er kommt in unsere Zeit aus den englischen Farbenkupfern. Und ein anderer Typ kam noch, von verträumter, halbbewusster Verliebtheit, junge Mädchen voller Schelmerei und von frauenhafter Milde, wie sie uns einst von den kleinen alten Lithographien und Pastellen ansahen, die bei Grossmutter über dem Ledersopha hingen. Biedermeiertypen — stille, feine Mädchenblumen. Und andere kamen von wilder, freier und doch schöner Sinnlichkeit, die ihre Seele und ihre Sehnsucht ganz gaben, die schöne Farben liebten, fliessende Gewänder und flackernde Tänze — eine kranke Salomestimmung. Und wir wissen nicht, ob sie aus den Werken der Künstler entstiegen oder ob die Künstler sie dem Leben nachschufen. Denken wir z. B. daran, wie sich im Lauf weniger Jahre das Haar der Frauen geändert hat, in Fülle, Struktur, Tönen und Farbenstufen — ich spreche ganz im Ernst —, wie wir gewissen Gesichtern mit langen graden Nasenrücken, mit hochgezogenen und scharf übergebauten Brauen öfter begegnen, die wir vordem nie sahen. Wie häufig wir entzückt werden durch eine Haut von frischer, kühler,"* bisher ungekannter Lieblichkeit. Dann will es uns scheinen, als ob es all das vordem nicht gab. Und gewiss, es sind immer wieder andere Generationen, die kommen, es ist ein anderer Menschenschlag, der so um achtzig geboren wurde und der jetzt dem Leben die Note gibt, als der, der um sechzig das Licht sah — andere Gesichter, andere Seelen. Es gibt Gesichter von alten EUGEN SPIRO. Portrait meines Vaters. BERLIN. EUGEN SPIRO. Begegnung. und alten Frauen, von einer gewissen überlegenen Vornehmheit, von einer milden Verschmerztheit, die aussterben und schon fast ausgestorben sind. Und plötzlich tauchen Farben auf diesem Erdball auf, Altrosas, erdige Graus, von feiner Durchsichtigkeit, an den Abendhimmeln kommen neue Grüns, neue Linien bieten Landschaften, Architekturen und Gewänder--seltsame Welt, seltsame Welt. Man wird mir sagen, ich sollte doch von dem Künstler reden. — Aber ich spreche ja schon die ganze Zeit von ihm, und wer feine Ohren hat, der wird es gehört haben. Denn er ist ein Sucher auf jenen neuen Schönheitswegen, ein Versteher ihrer Symptome, ein Deuter und Vertiefer für ihre Rätsel. Er ist modern, typisch modern, ganz Kind der Zeit. Zuerst wollen wir uns einmal darüber einigen, dass sein Können ein starkes ist und seine technische Sicherheit und die Sicherheit seines Vortrags eine ungewöhnliche. Gewiss: das macht nicht die Kunst aus, kann sogar in gewissem Sinne eine Gefahr für die Kunst sein — ganz ist Spiro der auch nicht entgangen! — aber es ist doch eine vorzügliche Grundlage und eine sehr gute Empfehlung. Ich glaube, das Arbeiten fällt ihm nicht schwer — er ist wirklich talentiert, hat das Rüstzeug zum Guten und Bedeutenden; er ist ein vorzüglicher Kopist, der sich schnell in jede Technik, in jede Farbensprache zu vertiefen weiss, sei es die Goldglut und die Dunkelheit alter Venetianer oder der lichte Geschmack Manets. Spiro hat als Maler sehr viel Kinderstube — und Kinderstube ist eine Empfehlung fürs ganze Leben, eine Sache, die sich nie verleugnen kann. Er ist aus Breslau — BERLIN.