Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- Julius Fürst
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 223 - 224 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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223 Dr. M. Kayserling :.. Julias Fürst. „Bibliographisches Handbuch der gesamten jüdischen Literatur mit Einschluss der Schriften über Juden und Judentum" liefern zu wollen, dazu gehörte. Mut! Wer selbst einmal mit bibliographischen Arbeiten sich beschäftigt hat, der weiss es, wie unendlich schwer es ist, Vollständigkeit t zu erreichen, und wie selten wird dieselbe erreicht! Fürst selbst fühlte, dass sein ,,Handbuch" unvollständig sei, dass Tausende von Nummern darin fehlen, dass viele unrichtige Angaben sich darin finden. Das ,Hand buch", dessen diitter und letzter Band fünfzehn Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes die Presse verliess, wurde mehr als iedes andere seiner Werke getadelt und angefeindet; trotz aller Lücken und Mängel ist es noch immer das einzige seiner Art und durch kein anderes, genaueres und vollständigeres ersetzt. In den letzten Jahren seines Lebens wendete er sich wieder der heiligen Schrift zu, von der er bei Beginn seiner literarischen Tätigkeit als Mitarbeiter der Zunzschen Bibel einige Bücher übersetzt hat. Mit Zuhilfenahme einiger jungen Gelehrten, wie behauptet wurde einiger Studenten, besorgte er von dem ganz freien religiösen Standpunkt aus, welchen er einnahm, eine Uebersetzung und Kommentierung der Bibel, der er den Titel „Illustrierte Prachtbibel" gab, und schrieb gleichzeitig eine 72 Druckbogen umlassende „Geschichte der biblischen Literatur", welche in demselben Verlage erschien, in dem 35 Jahre früher sein „Lehrgebäude", in dem seine wertvollen lexikographischen Werke erschienen. Es ist das der sprechendste Beweis, dass seine Werke Absatz und Verbreitung gefunden haben. Seine ansehnliche Bibliothek gelangte nach seinem Tode in den Besitz der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. DIE LEBENSANSCHAUUNO DES IDEALISMUS. Von-B. II Wir haben gesehen, dass Cohen die Ethik auf den Begriff des sittlichen Individuums als Repräsentanten der Allheit, der Menschheit, gründet. In welcher Kulturinstitution realisiert sich nun die Einheit der Allheit? In welcher menschlichen Einrichtung tritt uns die Verwirklichung dieses einheitlichen Menschenbegriffs entgegen? Cohen antwortet: im Rechtsstaat. Der Staat ist ihm der ethische Leitbegriff des sittlichen Bewusstseins. In ihm und durch ihn befreit sich der Einzelmensch von seinen naturhaften, anthropologischen und biologischen Daseinsbedingungen, um in das Reich des Sollens einzutreten, als Teil der Allheit. „Das sittliche Individuum soll nicht eine partikulare Einzelheit bleiben, sondern kraft der Allheit, in die es eingegliedert ist, zur Einheit des sittlichen Individuums erhoben werden." Hier läge der Irrtum nahe, zu meinen, dass Cohen den jeweilig gegebenen Staat der zufälligen Wirklichkeit — etwa im Sinne Hegels — als den Inbegriff der Sittlichkeit ansieht. Dem ist nicht so. Cohen fasst den Rechtsstaat als Aufgabe, als etwas Aufgegebenes, nicht als etwas Gegebenes, sondern als Ideal aut. Zur Verwirklichung des Ideals strebt die sittliche Handlung, die nie zur gesättigten Ruhekommt, weil x) Siehe Heft III von „Ost und West". Wolff. Nachdruck verboten. l) alles Erreichte über sich selbst hinausweist, und aus dem Erworben neue Aufgaben erwachsen. Das Werk der Sittlichkeit bleibt stets unvollkommen, und aus dem Bewusstsein dieser Unvollkommenheit erblüht das unablässige Streben nach Vollkommenheit.: So wird die Zukunft zum Hauptmoment der Sittlichkeit, die unendliche Zukunft — die Ewigkeit. „Diese drei Momente sind im ethischen Ideal enthalten: die Vollkommenheit, die Vervollkommnung, das Unvollkommene der Vervollkommnung." Das Ziel — der Weg — die Distanz. Hier denkt man unwillkürlich an das Wort des Talmuds: „Es ist dir nicht gewährt, das Werk zu vollbringen, doch steht es dir nimmer frei, dich der Arbeit zu entziehen." Also im Rechtsstaat als einer Aufgabe realisiert sich das sittliche Bewusstsein. Und die Rechtswissenschaft wird so zur methodologischen Basis der Ethik; Hier vollbringt Cohen eine Tat, analog und gleichwertig der Kants, der den philosophischen Idealismus aus dem Nebelheim metaphysischer Spekulation herausgeholt und ihn auf die exakte Grundlage der Mathematik gestellt hat. „Das Analogon der Mathematik, bildet die Rechtswissenschaft. Sie darf als Mathematik der Geisteswissenschaften, und vornehmlich für die Ethik als ihre Mathematik bezeichnet werden." Dadurch