Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 4 (April 1905)
- Article
- Julius Fürst
- Date
- 1905-04-01
- Page
- Seite 219 - 220 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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219 Dr. M. Kayserling: Julius Fürst. 220 Wissenschaft in ihren hervorragendsten Erscheinungen anknüpfte. Erst jetzt konnte die Sprachwissenschaft sich der weitumfassenden Aufgabe unterziehen, die Sprachen überhaupt nach der äussern und innern Verwandtschaft ihres Baues und ihrer Bildung zu sondern, zu gruppieren und miteinander zu vergleichen. Durch die Gebrüder Schlegel, durch August Wilhelm, der zuerst zwischen synthetischen und analytischen Sprachen unterschied, namentlich durch Friedrich, welcher mit genialem Blicke diese Scheidung noch erweiterte, besonders aber durch den scharfsinnigen Franz Bopp, den berühmten Begründer der vergleichenden Grammatik, wurde für das Sprachstudium eine neue Methode geschaffen. Fürst, von der Ueberzeugüng durchdrungen, dass die grammatische Behandlung einer toten Sprache wie die einer lebenden physiologischer Art sein müsse, war der erste, der nicht bloss den Versuch machte, durch die Beziehungen der semitischen Sprächfamilie zu den Sanskritsprachen den Semitismus dem Familienbande der indogermanischen Sprachen näherzuführen, sondern auch mit Aufwand von grossem Fleiss den Nachweis lieferte, dass die beiden Sprachstämme in ihren grundrisslichen Linien, selbst in ihren grundzüglichen grammatischen Formen mehr als verwandt, sogar identisch sind. Diese für die hebräische Sprachforschung bedeutsame Schrift fand heftige Gegner, aber auch warme Freunde und Verteidiger. Der reichbegabte, bahnbrechende Sprachforscher und edle Staatsmann "Wilhelm von Humboldt, dem die Schrift gewidmet war, hielt, wie es in seinem Schreiben an den Verfasser heisst, „das Streben, die Vereinigungspunkte zwischen dem semitischen und sanskritischen Sprachstamme zu entdecken und aus dem Organismus derselben zu entwickeln, für höchst beifallswürdig, denn, sei es auch gewiss, dass es eine Einheit in den Sprachen gebe, da alle dem einen in seinen Anlagen gleichen Menschengeschlechte angehören, so dürfe doch die Sprachforschung nicht ruhen, derselben so lange nachzugehen, als nur irgend eine Spur davon aufzufinden ist." Der Franzose Eugene Burnouf, der hervorragendste Orientalist seiner Zeit, gesteht, dass es ihm über jeden Zweifel und Widerspruch klar geworden, dass zwar geheime, aber doch reelle Beziehungen zwischen den semitischen und den sanskritischen Sprachfamilien existieren. Mit dem „Lehrgebäude", von dem übrigens nur der erste Teil, die chaldäische Grammatik, erschien, zu gleicher Zeit veröffentlichte er, gleichsam als aramäisches Lesebuch, „Perlenschnüre aramäischer Gnomen und Lieder", eine geschmackvoll geordnete Sammlung aramäischer Sprüchwörter nebst Sprüchen aus Sirach und Erzählungen aus Talmud und Midrasch. Auf diesem bis dahin nur dürftig bearbeiteten Gebiete konnten sich Fehler leicht einschleichen. Innig befreundet war Fürst eine Reihe von Jahren mit Franz Delitzsch, dessen Lehrer im Hebräischen und Chaldäischen er war, dem einzigen christlichen Theologen des vorigen Jahrhunderts, der ein gründlicher Kenner des Hebräischen war und-der sich auch talmudisches Wissen angeeignet hatte. Fürst hat auf die frühesten Arbeiten Delitzsch', besonders auf dessen „Geschichte der jüdischen Poesie", einen unverkennbaren Einfluss geübt, wie andererseits Delitzsch auch Fürst bei der Ausarbeitung der Konkordanz wesentliche Hilfe geleistet und ihr durch sein „Jesurun" den Weg gebahnt hat Bei der Bearbeitung der Konkordanz, der er die Buxtorfsche zugrunde legte, sowie seiner übrigen lexikalischen Werke, huldigte Fürst im Anschluss an sein „Lehrgebäude" der oft widersprochenen Ansicht, dass die Wurzelwörter im Aramäischen einsilbig und im Hebräischen nicht dreisondern zweisilbig, und dass die sogenannten Vorsatzbuchstaben oder Präpositionen wie den indogermanischen, auch den semitischen Sprachen eigentümlich seien. Die Konkordanz, dieses mit den verschiedenen Exkursen 1428 Folioseiten umfassende Riesenwerk, an dem er mit unsäglichem Fleisse fünf Jahre gearbeitet und das er an seinem "34. Geburtstage vollendet hat, wurde durch keine andere ähnliche Arbeit verdrängt, selbst nicht durch die vor einigen Jahren erschienene Konkordanz des unglücklichen S. Mandelkern, welche ebensowenig wie die Fürstsche ganz frei von Irrtümern ist. Zwei Jahre nach dem Erscheinen der Konkordanz veröffentlichte er sein „Hebräisches und chaldäisches Schulwörterbuch", das einem lange gefühlten Bedürfnis abhalf und eine weite Verbreitung fand, auch ins Englische, Schwedische und Holländische übertragen wurde. Die Frucht langjähriger Studien ist sein „Hebräisches und chaldäisches Handwörterbuch über das Alte Testament" mit einer kurzen Geschichte der hebräischen Lexikographie, von dem schon nach zwei Jahren (1863) eine zweite Auflage und 1865 eine englische Uebersetzung erschien, und das