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Ost und West · 1905-03-01 · Heft 3 (März 1905) · p. Seite 209 - 210

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 3 (März 1905)
Article
An den Ufern der Weichsel
Date
1905-03-01
Page
Seite 209 - 210 (sequence 3)
Language
German
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209 Ed. Weiss: Tolstoi und der Talmud. 210 weiss nichts, bin nur gepflanzt in all dies, das mich Und ich allein weiss nichts und kenne nichts, umgibt, sprosse und wachse im All, umschlungen und nur alle leben wir, alle singen wir und wissen nicht umfasst vom All, eine Stimme im Liede Gottes, ein unser Lied. Faden im grossen Gewebe. TOLSTOI UND DER TALMUD. Von Ed. Weiss. Nachdruck verboten. Es ist eine bekannte Tatsache, dass Leo Tolstoi vom althebräischen Schrifttum, den Büchern der Bibel, stark beeinflusst wurde. Manche Partien in seinen Streitschriften klingen an die Worte der Propheten Israels an, ebenso was die Kraft -des Ausdrucks anbetrifft, wie in Bezug auf die Energie und Rücksichtslosigkeit der sittlichen Forderung auch im Völkerleben und in der Politik. Man wusste, dass Tolstoi beim Rabbiner von Moskau seinerzeit Unterricht im Hebräischen nahm, um unsere Bibel im Original lesen zu können. Dass er aber den Talmud — natürlich soweit dieser in russischen und deutschen Uebersetzungen vorliegt — mit Eifer und mit Nutzen gelesen, und sich viel von ihm angeeignet hat, erfahren wir aus einem vor kurzem erschienenen Buch von ihm, unter dem Titel „Gedanken weiser Männer".1) Es ist dies eine Sammlung von Aussprüchen, Zitaten und Aphorismen grosser Denker, Dichter, Gesetzgeber, Staatsmänner, Forscher und Lehrer aller Völker und Zeiten. Als Tolstoi vor zwei Jahren lange Zeit krank •darniederlag und seiner gewohnten Arbeit nicht nachgehen konnte, da fand er Trost in der Lektüre guter und weiser Bücher, und was er darin am bemerkenswertesten fand, was seinem Wesen wahlverwandt war, seiner eigenen Gesinnung und Geistesrichtung am meisten entsprach, das schrieb er jeden Tag, im Krankenbette liegend, auf einzelnen Blättern nieder. So entstand gleichsam ein Spruchkalender für das ganze Jahr. Blättert man in dem anspruchslosen Büchlein, so lernt man daraus, was für Fragen und Probleme den Geist des seltenen Mannes beschäftigten und welche Gedanken geistesverwandter Männer der Vorzeit auf ihn Eindruck machten und ihn zum Verweilen einluden. Die Aussprüche, die aus den entlegensten Zeiten und entferntesten Himmelszonen stammen, finden sich manchmal auf einem Blatte neben einander vereint und illustrieren und ergänzen einander in auffallender Weise. Tolstoi hat nämlich Aussprüche, die ihm den gleichen oder einen verwandten Gedanken auszudrücken schienen, nebeneinander gestellt. So kommt John Ruskin neben den Talmud, Manu neben dem Neuen Testament, Marc Aurel neben dem weisen Brahminen, Alexander von Humboldt neben einem alten Araber zu Worte. „So entsteht bisweilen ein innererZusanimenhangzwischen Autoren, deren Anschauungen durch Welten von x) Leo Tolstoi: Gedanken weiser Männer. Deutsch von Adolf Hess. Verlag von Albert Langen, München 1904. einander getrennt sind. Diese Zusammenstellung, die ungeahnte Ausblicke auf die Einheit des menschlichen Denkens eröffnet, konnte nur ein universeller Geist wie Tolstoi bewirken." Es ist nun sehr bemerkenswert, dass unter den sechsundfüntzig Autoren, die Tolstoi exzerpiert hat, der Talmud am stärksten vertreten ist. Von den Sprüchen für die 365 Tage des Jahres sind nämlich nicht weniger als hundertundsieben dem Talmud entnommen. Diese enorme Ziffer wird noch dadurch erhöht, dass die Zitate aus dem Taimud meist von grösserem Umfang sind und iedes von ihnen lüglich in mehrere Sprüche zerlegt werden kann. Der Talmud hat offenbar auf den Weisen von Jasnaja Poljana einen starken Eindruck gemacht und seinem Geist Nahrung geboten. Der Talmud gehört offenbar zu Tolstois Lieblingsbüchern. Die Bedeutung dieser Tatsache erhöht sich noch beträchtlich dadurch, dass ihm der Talmud keineswegs in seinem ganzen Umfange bekannt ist, da ja weder in deutscher, noch weniger aber in russischer Sprache eine vollständige Uebersetzung existiert. Unzweifelhaft würde Tolstoi an manchen, ihm jetzt unbekannten Aussprüchen unserer alten Weisen noch mehr Gefallen gefunden haben und er hätte sie gewiss seinem Zitatensch atz einverleibt, wenn er sie gekannt hätte. Der erste talmudische Ausspruch, dem wir in dem Buch begegnen, ist die bekannte Sentenz aus den Sprüchen der Väter: „Beurteile deinen Nächsten nicht, bevor du in seiner Lage warst." Und es ist interessant, dass auf demselben Blatt ein Zitat aus Matthäus 7, 1—5 steht, welches nichts als eine wortreiche Homilie über eine andere, verwandte ebenfalls im Talmud befindliche vS.entenz bildet, die lautet: „Ziehe zuvor den Balken aus deinem Auge, bevor du den Splitter aus dem Auge deines Nächsten zu ziehen dich unterfängst." Tolstoi, der keine vergleichende Studien getrieben hat, ahnt wohl kaum den tatsächlichen Zusammenhang zwischen den beiden Büchern, aber die Verwandtschaft des Gedankens hat er richtig herausempfunden. Auf demselben Blatt steht übrigens auch ein Zitat aus dem indischen Dhammapada, welches den gleichen Gedanken in einer etwas verschiedenen Form ausdrückt: „Es ist leicht, die Fehler anderer, aber schwer, die eigenen wahrzunehmen." Hier folgt eine längere Erörterung dieses Themas. Viel drastischer drückt das ein jüdisches Sprichwort

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