Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 3 (März 1905)
- Article
- An den Ufern der Weichsel
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 207 - 208 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583931-2583935-2591931--04999-2592002- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
207 Schalom Asch: „An den Ufern der Weichsel". 208 sie träumen in einem Tale, ein Gott schirmt sie und erbarmt sich ihrer — — Einen anderen Abhang steig' ich hinab. Eine andere Weite breitete dort Gott zum Schemel seiner Füsse, das ist der Fluss, unsere Weite, die Weite unseres Bodens — Die Weite in der Höhe schuf Gott für sich und seine Enge], freudig blickt er aus der Höhe, er weiss und kennt seine Grösse, seine Erhabenheit über Erde und Menschen, wie die Gottesgnade darüber ausgegossen ist, wie seine Sterne scheinen und lieblich sind, wie rein der Mond, der sich darein taucht, stolz blickt er aus der Höhe herab. Nicht so die Weite da unten auf der Erde. Der Strom ist die Weite für uns, für die kleinen, dürftigen Menschen, die Bodenweite nachtet und welkt mit un?, eint sich mit unserer Seele. Sie hat nicht Blitz und nicht Licht, aber ihre friedliche Erscheinung ist dir nah, du fürchtest sie nicht, nicht, dass dich ihre Grösse verschlinge, in ihre Hand magst du deinen Geist legen, deine Seele vor ihr ausschütten, wie •ein kleiner Knabe, der nach seiner Mutter weint und baDgt — — So fliesst der Strom, Welle folgt Welle nach, •die Wasser wandeln und giessen sich hin, und dir scheint es, als singe der Strom das Lied deiner Seele, erzähle Geheimnisse aus dem Schatze deines Herzens. Nein, es ist nur sein Lied, er erzählt die Tiefen seines Herzens, und hörst du's, dann iühlt es dein Herz, und du magst weinen am Herzen der Mutter — Gott selbst steigt herab aus den Himmeln, verlässt •den hohen Thron seiner Herrlichkeit, ergiesst seine Heiligkeit und Reinheit auf das Unendliche, das das All durchschwebt, Gott •selbst breitet sich über die Erde, er horcht und merkt auf das Lied, das ringsum gehört wird — -— Die Wellen singen und ergiessen sich, eine der anderen zu, vereinen, versammeln sich zu den anderen, die schon vorüber sind, jagen ihnen zu und küssen voll Liebe und Anmut "die Ufer des Stromes. Er kommt vom Ende der Welt und geht ans Ende der Welt. Der Tau der Gräser steigt in die Höhe und wird zum Hochzeitshimmel Gottes, da in der Luft sammeln sich alle Träume der Welt, aus Herzen quellend, die sich baden in Liebe und Trost. Der Hochzeitshimmel breitet sich über alle Wesen. Und alles Geschöpf reinigt und taucht sich in die Ströme der Liebe und des Trostes. Ich sitze am Ufer des Stromes. Auf steigt das Schalom Asch. Jungjüdischer Jargon-Dichter. (Verfasser unserer Skizze „An den Ufern der Weichsel".) Lied der Nacht. Von ferne kommt der Ruf und verliert sich wie ein luftiger Traum, tönt und eint sich mit dem Schlage der Wellen, alles ein Lied, das das Wasser mit sich foitströmt und trägt bis ans Ende der Welt — Man hört einen unsichtbaren Vogel, der verborgen seine Seele ergiesst, sein Begehren und Bangen im Liede, und wieder schweigt er, und alles ruht und verliert sich in der Unendlichkeit. An dem Ufer sitzend blicke ich auf die Wasser, den Himmel und die Sterne. Mein Antlitz berge ich in den Gräsern. Meine Seele taucht in den Strom und betet: Schöpfer, warum thronst du lern im Himmel? Warum verbirgst du dich in Wolken? Steige herab auf die Erde — oder war es dir einMangel, wennalle Menschen Engel würden? Schöpfer, warum trenntest du mich von deiner Welt? Warum gabst du mir Füsse, hier nur zu wandeln, Ohren zu hören. Augen zu sehen, ein Herz, all dies zu fassen und zu empfinden, und ich will doch nur vermengt, vereinigt sein mit dem All — will nur eins sein mit deiner einen Welt, gepflanzt in deinen Garten wie die Pflanze des Feldes, wie der Baum des Waldes und nicht wie dieses arme Vöglein, das auf dem Zweige steht und zwitschert — und schon ist es gestorben. Schöpfer, öffne doch mein Herz, mach es weit und gross, oder verenge milden Raum deiner Welt, dass ich sie an mein Herz pressen, umfassen und lieben kann — Ich liege, und mein Antlitz birgt sich in den Aehren. Und die Wellen ergiessen sich, sie sprechen nicht mehr mit Tönen, sondern küssen und kosen nur einander, heimliche Stimmen schweben und kommen, das Lied der Nacht erhebt sich und alles eint sich mit dem Kusse der Wellen. Von einem Baume hör' ich noch einen Vogel, der nach Liebe schmachtet. Und alles eint sich zum erhabenen Liede, zum Liede der Nacht. Und das mächtige Lied küsst meine Seele. Verlassen hat Gott den Thron seiner Herrlichkeit und stieg hernieder aus seinen Himmeln, er eint sich mit der grossen Welt, dem Unendlichen, das mich umschlingt und in dem ich bin. Eine Wolke von Tau umschlingt und umhüllt das All. Neben dem Stromesufer liege ich und berge mein Antlitz im Grünen. Schon erlüllt sich mein Gebet. Ich sehe nicht das Geringste, höre nichts und