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Ost und West · 1905-03-01 · Heft 3 (März 1905) · p. Seite 195 - 196

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 3 (März 1905)
Article
Eine neue Spinoza-Biographie
Date
1905-03-01
Page
Seite 195 - 196 (sequence 3)
Language
German
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195 Bernh. Münz: Eine neue Spinoza-Biographie. 196 aber die Lehre eine religiöse ist, die uns über die Endlichkeit hinaus zum Ewigen führt, uns von der Selbstsucht erlöst und lautere Liebe zu Gott und Menschen uns einflösst, dann war Spinozas Philosophie nicht unreligiös. Und wenn ein von allen kirchlichen Dogmen freies Christentum noch als solches gellen darf, dann wird Spinoza, der mit hoher Ehrerbietung von Jesus spricht und vieles lehrt, was mit den sittlichen Anschauungen des Christentums übereinstimmt, ein Christ,' ja mit Goethe vielleicht ^Christianissimus" genannt werden dürfen. Dieselben Gedanken aber, die ihn dem ungläubigen Christen als Christen erscheinen, lassen, werden den Juden, der die Glaubenslehren und Satzungen des Judentums von sich geworfen hat und nur seinen ethischen Kern festhält, veranlassen, ihn, für einen Juden zu erklären. Beides ist noch in neuerer' Zeit geschehen. Wie Menzel und Hylkema Spinoza für das Christentum, so haben Hess und Zeitlinihn ' für ein dogmenfreies Judentum in Anspruch genommen. Der Unbefangene wird weder diesen noch jenen beistimmen und die ganze viel erörterte Frage für gegenstandslos erklären. Er wird Spinoza nicht nach dem Namen Chiist oder Jude fragen, sondern sich begnügen, seine Gedanken, Gesinnungen und Handlungen kennen zu lernen. Denn was Goethe von dem heiligsten Namen, den unsere Sprache besitzt, dem der Gottheit, sagte, das gilt auch von diesen Worten. Sie sind an sich Schall und Rauch, und erst unser Denken, Fühlen und Wollen gibt ihnen Inhalt und Wert. Zu dieser _ Ansicht über Religion hat Spinoza selbst sich bekannt. In einem . . . Briefe erklärt er, dass auch Türken und Heiden „den Geist Christi" besitzen, wenn sie sittlich und gotlesfürchtig leben. Spinoza war weit davon entfernt, das weltfremde Ideal der stoischen Weisen in sich zu verwirklichen. Freudenthal tut dar, dass es ein Vorurteil ist, ihn als einen Heiligen anzusehen, an dessen Charakter auch nicht der geringste Flecken hafte, dessen Denken keinerlei Widerspruch und dessen Handeln keinerlei Schwächen aufweisen. Heilige gibt es nun einmal auf Erden nicht. Sein Herz, das so reich an Liebe war, hatte auch für Antipathien Raum. Aber jeder, der die politischen Zustände jener Zeit und die Geschichte Spinozas kennt, wird den Unmut, der ihn bei seiner Beurteilung des holländischen und jüdischen Volkes nicht selten zu masslosem Tadel verleitet, begreiflich und verzeihlich finden. Aber auch aus seinen lieblosen Urteilen klingt ein lebhaftes Gefühl für Wahrheit und Sittlichkeit heraus. Auch in ihnen bewährt Spinoza die Charaktereigenschaft, die Kant das einzige nennt, was ohne Einschränkung für gut , gehalten werden könne, den Willen, das Wohl der Menschen zu fördern und ihre sittlichen Schäden zu heilen. Und es bringt ihn uns nur menschlich näher, dass er sich von den Affekten, deren Ueberwindung durch das Erkennen seine Ethik fordert, nicht ganz befreit hat. , Die Beziehungen Spinozas zu Leibniz, welcher letztere von dem Verfasser ganz mit Unrecht als ein unserem Philosophen ebenbürtiger, genialer Denker bezeichnet wird, bieten ihm Gelegenheit, interessante Streiflichter auf Leibnizens Charakterschwächen und Zweideutigkeiten zu werfen. Er schliesst seine Biographie mit den Worten: „Er. hat es verstanden, dem kurzen Dasein einen alle Zeit überdauernden Inhalt zu geben. Wie jung er auch gestorben ist, die Aufgabe, die das Schicksal ihm gestellt hatte, war gelöst, als er von der Erde schied; denn die Hauptwerke seines Lebens waren geschrieben. Schwerlich hätte ihn ein längeres Dasein über den Inhalt seines theologischpolitischen Traktates und seiner Ethik weit hinausgeführt." Lehrer und Zöglinge der Erziehungsanstalt in Ahlem.

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