Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 3 (März 1905)
- Article
- Eine neue Spinoza-Biographie
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 193 - 194 (sequence 2)
- Language
- German
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193 Bernh. Münz: Eine neue Spinoza-Biographie. 194 von 500 Gulden, die Isaak de Vries ihm bestimmt hatte, auf 300 FL, die er für genügend hielt, herab. Man kann sein Streben nach Unabhängigkeit und seine Uneigennützigkeit nicht deutlicher an den Tag legen, als Spinoza es tat. Aehnliche Selbstlosigkeit betätigte er gegenüber den Angehörigen Jan de Witts. Der Ratspensionär hatte ihm eine Pension von 200 Gulden ausgesetzt. Als aber seine Erben zögerten, den Betrag auszuzahlen, gab er ihnen ohne -weiteres die von de Witt ausgestellte Schenkungsurkunde zurück, was jene dann veranlasste, ihm nunmehr gern zu bewilligen, was sie vorher verweigert hatten. Obgleich in sehr ärmlichen Verhältnissen lebend, lieh er doch von dem Wenigen, das er besass, anderen, die noch ärmer waren als er. Und als er hörte, dass jemand, der ihm eine nicht unbeträchtliche Summe schuldete, sein ganzes Vermögen verloren hatte, sagte er lächelnd: „Da werde ich meine gewöhnlichen Ausgaben etwas verringern müssen, um diesen kleinen Verlust auszugleichen." Spinoza war nicht weltfremd. Dies bezeugt, um von allem anderen abzusehen, ganz besonders der theologisch-politische Traktat, der eine Tendenzschrift im vornehmsten Sinne ist, und um dessen willen er die Ethik unmittelbar vor ihrer Vollendung beiseite legte. Freudenthal widerlegt die Vermutung eines namhaften Forschers, Wilhelm Bolins, dass das angeblich durch Theologen herbeigeführte traurige Geschick des Philosophen Geulincx Spinoza zum Kampfe gegen die Theologie seiner Zeit veranlasst habe, und beweist überzeugend, dass ganz andere und wichtigere Motive hierfür massgebend waren. Der Kampf zwischen Staat und Kirche, der die Völker Europas im Mittelalter aufs tiefste erregt hat, ist auch den vom spanischen Joche befreiten Niederlanden nicht erspart geblieben, wenn er auch hier allerdings mildere Formen angenommen hat. Der Kulturkampf nun hat in Spinozas Geist den Plan zum Traktat gezeitigt. Den theologischen Inhalt des Buches hatte er schon während seiner Studienjahre überdacht und in späteren Jahren immer wieder von neuem in Erwägung gezogen. Die politischen Gedanken aber erhielten erst eine feste Gestalt, seitdem er im Sommer 1663 durch seine Uebersiedlung nach Voorburg Jan de Witt, der 20 Jahre lang die Politik seines Landes geleitet hat, nähergetreten war. Hier bot sich ihm die Gelegenheit, de Witts politische Ansichten und Ziele und die Machenschaften seiner Gegner kennen zu lernen. Er sah das Vertrauen zu dem grossen Staatsmanne durch die Wühlereien der Orthodoxie erschüttert, die Grundlagen des republikanischen Staatswesens, wie er sie verstand, im Namen missverstandener Religiosität angetastet. Da Hess er die Hände von seinem metaphysischen Lebenswerk, welches kein unmittelbar praktisches Interesse hatte, und trat als ein mächtiger Mitstreiter in die Reihe der Männer ein, die seit dem Anfang der 60er Jahre für die Politik des Ratspensionärs in Wort und Schrift gekämpft hatten. Ihn liess auch die Erinnerung an alle Ausschreitungen religiösen Wahns nicht ruhen, die ihn aus der blutigen Geschichte der europäischen Glaubenskriege, dem furchtbaren Schicksal seines Stammes und dem eigenen Leben unheimlich anstarrten. Eine weitere Triebfeder zur Abfassung des Traktats war die Abwehr der gegen ihn geschleuderten Verdächtigungen. Er trachtete nicht nach irdischen Gütern, aber er wollte mit den Menschen zusammenleben, auf die Gebildeten einwirken, ihnen seine Gedanken mitteilen. Darum konnte es ihm nicht gleichgültig sein, dass man ihn als „Atheisten und Religionsspötter und gemeingefährliches Werkzeug in der Republik" verschrie. Indem er an die vom Geiste der neuen Zeit erleuchteten Staatsmänner und an alle klar denkenden Bürger appellierte, die Fesseln der Unduldsamkeit, des Vorurteils unddes- Gläübenszwangesy die sich wieder um die junge Republik gelegt hatten, abzuschütteln, verteidigte er zugleich den grossen Gedanken der Denk- und Glaubensfreiheit, so dass der Traktat über die engen Grenzen einer blossen Parteischrift weit hinaus wuchs. Die Idee der Gewissensfreiheit ist freilich nicht neu, aber Spinoza hat sie zum erstenmal nach ihrer religiösen, politischen und philosophischen Seite entwickelt und begründet. Und niemals hat es einen ernsteren und beredteren Streiter für die heilige Sache gegeben als ihn. So ist der Traktat eine der Fackeln geworden, welche dem Zeitalter der Aufklärung vorangeleuchtet haben. Bahnbrechend ist die grosszügige Prüfung der biblischen Schriften, die echte historischphilologische Kritik der Bibel, wie sie vor ihm niemand noch unternommen hat. Durch sie kam er zu dem Resultate, dass die Bibel sehr verschiedenartige religiöse und profane Schriften enthält, dass der Pentateuch aus vielfachen älteren Bestandteilen wahrscheinlich von Esra zusammengestellt, dass der Text der biblischen Schriften im Laufe der Jahrhunderte verändert, verstümmelt und zum Teile gefälscht worden ist, und dass ihr Inhalt uns nicht berechtigt, ihnen einen höheren Charakter beizulegen als einem anderen ausgezeichneten Menschenwerk. Es sei auch ein gefährlicher Irrtum, wenn man annimmt, dass die Bibel irgendwie philosophische Wahrheiten, erhabene theoretische Kenntnisse und tiefe Geheimnisse enthalte, welche die Kirche und ihre Diener den Gläubigen mitzuteilen hätten. Sie lehrt vielmehr nur höchst einfache Dinge: Liebe zu den Menschen und Gehorsam gegen Gott. Was sich auf diese Grundlagen sittlichen Lebens nicht bezieht, geht die Religion nichts an und muss von ihr abgesondert werden. Durch diese Ausführungen ist den Uebergriffen der Theologen der Boden entzogen und jeder Anlass zum Streit zwischen Theologie und Philosophie beseitigt. Beide haben ganz verschiedene Aufgaben. Wir müssen Freudenthal beistimmen, wenn er sagt: „Nur ein Mann wie Spinoza konnte dieses Buch schreiben. Keiner seiner Zeitgenossen vereinigte, wie er, alle diejenigen Kenntnisse und Eigenschaften in sich, die zu seiner Abfassung erforderlich waren: eine weit umfassende Gelehrsamkeit, insbesondere auf dem Gebiete der biblischen Literatur, philosophischen Tiefblick, politische Schulung, Beredsamkeit und einen felsenfesten Glauben an die Macht und Notwendigkeit freien, vernunftgemässen Denkens. Daher denn auch die grosse Bedeutung, die der Traktat für die verschiedensten Gebiete geistigen Lebens gewonnen hat. Es ist schon darauf hingewiesen worden, eine wie mächtige Stütze die in ihm ausgesprochenen Gedanken den freiheitlichen Bestrebungen des 18. Jahrhunderts geworden sind. Spinozas Auffassung ferner von der Entwickelung des Judentums und Christentums ist es, welche die genetische Betrachtung der Religionen verbreitet hat." Und er zeichnet Spinozas Verhältnis zur Religion trefflich folgendermassen: „Wer Frömmigkeit für Anhänglichkeit an eine der vielen geschichtlichen Gestaltungen des religiösen Lebens erklärt und Religion dem Judentum oder Christentum gleichsetzt, dem muss Spinoza als religionslos erscheinen. Und wer Gott über die Natur hinaushebt und eine unpersönliche, der Welt einwohnende Gottheit als einen UnbegrifT zurückweist, der wird ihn auch einen Atheisten nennen. Wenn