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Ost und West · 1905-03-01 · Heft 3 (März 1905) · p. Seite 149 - 150

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 3 (März 1905)
Article
Die Lebensanschauung des Idealismus
Date
1905-03-01
Page
Seite 149 - 150 (sequence 3)
Language
German
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149 B. Wolff: Die Lebensanschauung des Idealismus. 150 nische Gedanke, den er von den Propheten ererbt hat; der sein Judentum bildet . . . Die Einheit des Menschengeschlechtes fordert die Einheit im Begriffe des Menschen heraus." Hier schon zeigt sich, welche grosse Bedeutung der Grundlehre des Judentums für die philosophische Begründung der Ethik zukommt. Noch schärfer tritt das hervor durch Cohens tiefsinnige und merkwürdige Deutung des jüdischen Monotheismus in seiner tiefsten Fassung. „Die Einheit Gottes bedeutet von Anfang an nichts anderes als die Einheit der Menschheit." Die Einheit und Einzigkeit Gottes erwuchs den Propheten Israels, wurde ihnen klar und trat ihnen lebendig entgegen durch die Idee des Messianismus und im Zusammenhange mit ihr. „Der Einzige Gott bildet nicht sowohl den Gegensatz gegen die vielen Götter, als vielmehr gegen die vielen Menschen und Völker. Der Sinn des israeli-. tischen Monotheismus liegt von vornherein im Messianismus." Und die Propheten, die Verkünder des Messianismus, sind es, die „den einzigen Gott entdeckten". Im Zusammenhang damit geziemt es sich, auf Cohens schon in der Logik gegebene Definition des Zeitbegriffs zurückzugreifen, die an Originalität und psychologischer Schärfe ihresgleichen sucht. Am Anfang war — die Zukunft. Nicht die Vergangenheit. ,,Die Antizipation ist das Charakteristikum der Zeit." ,,In der Seele wird das Folgende zuerst geschaut. Das Folgende wird vorweggenommen, und diese Vorwegnahme ist die eigentliche, die (psychologische) Grundtat der Zeit, der seelische Prozess, durch den die Vorstellung der Zeit zuwege kommt. Die Zukunft enthält und enthüllt den Charakter der Zeit, an die antizipierte Zukunft reiht sich, rankt sich die Vergangenheit. Sie war nicht zuerst, sondern zuerst ist die Zukunft, von der sich die Vergangenheit abhebt." Es wird jetzt klar, wie aus der Zukunftsidee des Messianismus die Idee Gottes als des einig-einzigen Urhebers der Welt entspross. Und Gott ist der Gott der Wahrheit. Wenn für das griechische Denken die Wahrheit Uebereinstimmung unserer Erkenntnis mit einer ausserhalb ihrer liegenden Wirklichkeit war, wenn der modernen Philosophie Wahrheit Denknotwendigkeit — Uebereinstimmung aller Elemente der Erkenntnis — ist, so bedeutet nach Cohen die Wahrheit noch mehr: nämlich „den Zusammenhang und den Einklang des theoretischen und des ethischen Problems". Bildet die Logik auch die Voraussetzung der Wahrheit, so gewährt sie allein doch nur Allgemeinheit, Richtigkeit, Gesetzlichkeit, Notwendigkeit. Wahrheit kommt erst zustande, wenn auf der Logik die Ethik sich aufbaut. Und der Gott, den die Propheten verkündet, ist der Gott des Guten. ,,Er hat dir gesagt, o Mensch, was gut ist! Dieser Ausspruch bildet die Basis des Prophetismus. Gott ist es, der verkündet . . . Und was verkündet er den Menschen? Was gut ist." So macht der Prophetismus das Gute zum Inhalt der Religion. Nichts anderes soll fernerhin der Vorwurf und das Interesse der Religion sein, als das Sittliche. Nichts anderes also, als der Mensch, vielmehr die Menschen, wie sie der Eine Gott für die Eine Menschheit vereinigt. Der Name Gott soll fernerhin nichts anderes zu bedeuten haben, als die Bürgschaft für diesen Gedanken, für diese Ueberzeugung von der Einen Menschheit. Es tut förmlich weh, dass man es sich versagen muss, hier auf . die wunderbar herrlichen und tiefen Ausführungen Cohens näher einzugehen, über die Freiheit des Willens, über den Affekt als Motor des reinen Willens, über die Ausprägung des reinen Willens im Handeln des Menschen, über Unterschied zwischen Handlung und Tat, über Aufgabe und Tendenz, über Denken und Bewegung, Sprache und Wollen, und über vieles, vieles andere. Wir wollen Raum gewinnen für eine, wenngleich auch nicht annähernd erschöpfende Darstellung der eigentlichen Lebensanschauung Cohens, seiner Lehren, wie der Inhalt der Ethik in den Erscheinungen der Kultur zur Ausprägung kommen soll. (Ein zweiter Artikel folgt.)

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